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Von der Bildfläche verschwunden – aber nicht fort

erschienen am 30.11.2015 in Reutlinger Generalanzeiger
von Christoph B. Ströhle

TÜBINGEN. »Wenn er ging, dann vollständig und restlos«, schreibt Consuelo de Saint-Exupéry in ihren Lebenserinnerungen. Diejeningen, die mit ihm lebten, hätten das nur schwer ertragen, weil er immer »sein ganzes Wesen mit sich nahm«. Gemeint ist Antoine de Saint-Exupéry, der Schöpfer des »Kleinen Prinzen« (1943), dessen literarischen Kosmos und dahinter liegende Geschichte der Figurentheaterspieler Christian Glötzner im am Samstag uraufgeführten Stück »Consuelo, mon amour – Die Briefe des Kleinen Prinzen Antoine de Saint-Exupéry an seine Rose« am Tübinger Zimmertheater auf die Bühne bringt.

Ausgangspunkt sind die Briefe, die 35 Jahre lang im Keller einer Villa in der Provence lagerten und die die Witwe des Schriftstellers, Consuelo, geborene Suncin de Sandoval, ihrem Enkel vermacht. Die Koproduktion Christian Glötzners mit dem Zimmertheater und dem FITZ! Stuttgart lässt den Enkel die Schätze durchstöbern und dabei in die Welt des »Kleinen Prinzen« eintauchen. Und in die komplizierte Liebe Saint-Exupérys zu seiner Consuelo, die ihn zu seinem Welterfolg inspirierte. Einfühlung und Fantasie sind nötig, um unter staubbedeckten Lebenszeugnissen und Erinnerungsstücken so etwas wie die Essenz zu entdecken. Denn wie sagt der Fuchs zum Kleinen Prinzen, der ihn zuvor »gezähmt« hat: »Man sieht nur mit dem Herzen gut.« Glötzner besitzt diese Stärke. Mit den Händen aber führt er seine – von Frank Soehnle liebevoll gestalteten – Figuren: den Fuchs, die Schlange, den kleinen Prinzen und seine »Rose« Consuelo, mit der er intensiven Blickkontakt suchend tanzt (Choreografie Karin Ould Chih), an deren divaeskem Temperament er in der Rolle Saint-Exupérys aber auch leidet. Zimmertheater-Dramaturg Michael Hanisch schreibt im äußerst informativen Programmheft, dass es immer wieder Krach zwischen Antoine und Consuelo gab. »Oft trennen sie sich für Monate, nehmen eigene Wohnungen, Antoine pflegt seine Affären, er verdammt sie zu einem Mätressendasein.«

Nachdem Antoines Flugzeug (und er darin) im Juli 1944 verschwand, schrieb Consuelo unbeirrt, die Hoffnung nicht aufgebend weiter Briefe an ihren Mann, setzte imaginär den Dialog mit dem Geliebten fort und identifizierte sich selbst mit der Rose. Sie starb 1979, fast zwei Jahrzehnte bevor Wrackteile seines Flugzeugs und sein Armband mit der Inschrift »Consuelo Suncin Sandoval de Gomez« im Meer vor Marseille entdeckt wurden.

Besonders stark ist in Vanessa Valks Inszenierung die Szene, in der der Pilot Antoine gefangen in seiner Maschine unter Wasser um Atem ringt. Die Schlange legt sich wie ein Halsband um ihn. Eine Einblendung (Projektionen Sabine Effmert) bringt den Gedanken ins Spiel, es werde »aussehen, als wäre ich tot«. Seiner Consuelo ist er an dieser Stelle so nah wie vielleicht nie zuvor. Der Wüstenteppich, der das Bühnenbild (Ausstattung Christian Glötzner) zuvor geprägt hat, gibt nach dieser Szene eine darunterliegende, in silbernem Glanz erstrahlende Fläche frei. »Ich wohne für immer dort«, sagt Antoine und meint: Consuelos Herz. Seine »Rose« – so lässt sich Consuelos Handeln nach seinem Verschwinden deuten – hat dies verstanden.

Glötzners Spiel ist von betörender Eindringlichkeit. Schön auch, dass Johannes Frischs poetische Musik so gut dazu passt. So sind es magische 65 Minuten. Wer die Zusammenhänge und Hintergründe gut verstehen will, sollte sich allerdings vorher ein wenig mit Saint-Exupéry und seiner Consuelo befassen.