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Von der Rache der Zukurzgekommenen

erschienen am 16.02.2004 in Märkische Oderzeitung

Berlin (MOZ) Auf der Alm, da gibt’s bekanntlich keine Sünde. Dafür gibt’s kernige Buben und stramme Mädel. Volksschriftsteller Ludwig Ganghofer (1855-1920) hat die bayrischen Alpen für seine Romanfiguren zur Schicksalswelt gemacht. Tief bewegt kämpfen sie sich durch „Edelweißkönig“ und „Martinsklause“, „Das Schweigen im Walde“ und „Schloss Hubertus“.
Das Pärchen, das Regisseurin Astrid Griesbach in ihrer Inszenierung „Terror im Idyll“ auftreten lässt, ist weit entfernt von jenen Bilderbuch-Helden. Nicht gerade mit natürlicher Schönheit gesegnet, stellen sich die beiden als „Ganghofers schreckliche Kinder“ vor, jene, die immer auf der Strecke bleiben, Vorbild für Katastrophen sind, für alles Missratene, Missglückte oder jene, die das Zeitliche segnen. Jetzt jedoch reicht es ihnen: Sie wollen nicht immer abgehen, sondern selbst im Rampenlicht stehen und Geschichte schreiben.
Astrid Griesbach bringt diese Revolte, die als Koproduktion des Berliner Theaters des Lachens und drei kleiner Stuttgarter Bühnen am Donnerstag­abend ihre Berlin-Premiere erlebte, wie gewohnt mit viel Szenenwitz und Spielaktion auf die Bühne. Annette Scheibler und Hartmut Liebsch stellen die Idylle gründlich auf den Kopf. Mittels Masken geben sie Vroni, Zäzil, Daxen-Schorsch und Purtscheller, die sich zwischen Schlitten, Flaschenwald und Spielzeugseilbahn nicht nur Sorgen um ihre Liebesdinge machen müssen, sondern auch um den rutschenden Berg vor ihrer Forsthaustür.
Was Griesbach mit ihren beiden spielwütigen Darstellern zeigt, geht dabei weit über die Persiflage eines Heimatromanes hinaus. Am Ende haben die Zukurzgekommenen den Finger am Abzug – und nichts zu verlieren. Ein Schuss hallt durch die heile Welt: Was immer unterdrückt wird, ganz klar, das rächt sich irgendwann.