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Vorgeburtliches vom Wunder des Lebens

erschienen am 01.01.2010 in double, Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater

Double 1/2010

Iris Meinhardts »prolog, expedition in verlorene Sphären« im Stuttgarter FITZ!

VON JUTTA SCHUBERT. Am Anfang war das Wasser. Das vorgeburtliche Meer, in dem wir im Mutterleib schwimmen, ist unsere Ursuppe. Wir wissen nichts über diesen Schwebezustand. Die Geräusche sind gedämpft und dringen aus einer unendlichen Ferne zu uns. Durch die Nabelschnur sind wir mit der Welt verbunden, lebensrettend angekettet. Darüber ein Theater­stück machen? Wie soll das gehen? Die Stuttgarter Bühnenkünstlerin Iris Meinhardt hat sich gemeinsam mit Musiker Thorsten Meinhardt und Regisseur Michael Krauss in diese Sphären vorgewagt.

Die Handlung ist schnell umrissen: Wir beginnen als nahezu unsichtbare Winzlinge mit der Verschmelzung von Eizelle und Spermium, wachsen in neun Monaten heran, durchlaufen dabei die Stufen der Evolution im Schnelldurchgang und werden am Ende rausgekickt, für immer abgetrennt von der nährenden Urmutter, ausgespien in Licht und Luft, um selbstständig leben zu lernen. Und wir können nie mehr zurück. Folgerichtig ist einer der großen Momente der Inszenierung das Ende, wenn Iris Meinhardt an der inmitten der Bühne aufgehängten »Nabelschnur« turnt, in einer Mischung aus komischer Verzweiflung und tollkühnem Wagemut: Festhalten müssen und loslassen wollen zugleich.

Inhaltlich gibt es einige Fragen, die Meinhardt und Krauss sich ebenso stellen wie wir alle und auf die sie auf der schwarzen, leeren Bühne Antworten suchen: Wovon träumen wir vor der Geburt? Was wissen wir von dieser Welt vor der Welt? Wann beginnen wir zu existieren? Und formal gibt es einige Vorgaben, an denen es sich abzuarbeiten gilt. Wie lässt sich eine flüssige Welt in der Schwerelosigkeit auf der Bühne darstellen?

Wann und wie etwas zu leben beginnt, ist nicht allein die ungeheure und berührende Frage unserer Existenz auf diesem Planeten, sondern auch die alte, existentielle Frage der Figurenspieler. Meinhardt und Krauss benutzen auf ihrer Entdeckungsreise mit Luft gefüllte Plastiksäcke in verschiedenen Größen, die sich aufplustern, durch den Raum kullern, in deren Innerem man wie in eine Blase eingeschlossen das Wesen Mensch erkennt – eines der markantesten Bilder der Aufführung.

Daneben arbeiten die beiden Künstler sehr stark über Videoprojektionen. Aus der Schwärze der Bühnentiefe tauchen wandernde Zellen auf, verschmelzen, teilen, verwandeln sich, nehmen den Zuschauer mit auf einen Tauchgang in die Tiefsee. Führerin auf dieser Expedition, auf dieser Zeitreise, ist Iris Meinhardt in einem unwirklichen, schwarzen Kleid, Haute Couture zwischen verspieltem Rokoko und futuristischem Wüstenplaneten.

Eine Armada gezeichneter Kaulquappenwesen als Spermien, Zellteilung bis zum aufrecht gehenden Menschwesen, Fische, Versatzstücke aus Hieronymos Boschs Fabelwesenwelten geistern über die Projektionsflächen, auch über den Körper der Spielerin, sind ein wuseliges, quirliges Durcheinander und haben Witz. Und auch das Material »Puppe« taucht auf: Zwei Puppenarme, Beine und ein Kopf erproben in der Schwärze körperloses Strampeln, Kriechen und Gehen. Tiefsee und Urmeer werden immer wieder augenzwinkernd zitiert, so in einer Szene mit Quallen, die sich pulsierend durch den pechschwarzen Raum bewegen. Hier braucht es neben Meinhardt die unsichtbaren Mitspieler Katharina Muschiol und Antje Töpfer.

Die Magie der Aufführung lässt sich schwer beschreiben, man muss sie erleben, sich einlassen auf diese assoziative Reise ins Innere unserer vorgeburtlichen Erinnerung. Damit hat das Hineinschauen in die Black Box des Theaterraums eine ganze Menge zu tun. Die Dunkelwelten wirken wortlos, nehmen den Zuschauer mit in den Traum, nicht den Leser. Deshalb: Anschauen. Und nach sechzig Minuten ist Zeit aufzutauchen aus dem schwarz-weißen Rausch. Man kann eben nicht ewig drin bleiben.