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Wäldchen im Koffer

Andersens Märchen "Der Tannenbaum" im Fitz
erschienen am 23.12.2003 in Stuttgarter Zeitung
von C.B.

Das ist eine kleine Geschichte mit ganz großen Themen. Da geht es um Werden und Vergehen, um Natur und ihre kalte Benutzung durch den Menschen, und es geht um das Kleine und das Große. Hans Christian Andersens Märchen „Der Tannenbaum“ ist eine traurige Geschichte, doch sie hat auch etwas ganz Gelassenes, mit einer Quintessenz, die lauten könnte: „So ist der Lauf der Welt.“ Was Stephanie Rinke (Spiel und Ausstattung) und Annette Scheibler (Regie) im Zentrum für Figurentheater aus Andersens welthaltigem Märchen machen, entspricht ihm voll und ganz. Und es ist noch mehr: Theater mit allem Drum und Dran. „Der Tannenbaum“ beginnt im Fitz mit einer Rahmenhandlung um den Magier Undini, der seiner Ururgroßenkelin, gespielt von Rinke, ein paar Koffer hinterlassen hat.

Stephanie Rinke öffnet den ersten. Und damit beginnt Figurentheater, das gerne mit Verkleinerung arbeitet, um Realität anregend zu verfremden. Der Koffer enthält ein Wäldchen. Und gleich darauf wird der Blick der Zuschauer wieder auf Normalgröße einge stellt: Zu sehen ist eine kleine Tanne in Originalgröße, die Hauptfigur des Märchens. Das Tännchen steht hinter der Öffnung eines Bühnenvorhangs. Das Publikum ahnt hinter der Öffnung einen weiten Raum, den Wald.

Scheiblers Inszenierung arrangiert eine Bühne, die Fantasie anstößt. Und es wird mit den Mitteln des modernen Theaters gearbeitet, etwa mit irritierenden Filmprojektionen. Stephanie Rinke schmückt weihnachtsmäßig jenen kleinen Tannenbaum, der jetzt groß geworden ist, und zugleich zeigt eine Filmprojektion zwei Menschen mit Masken, die an einem Weihnachtsbaum herumfingern. Zu sehen ist eine traurige Geschichte, aber in einem so wunderbaren Rhythmus, dass des Tannenbaums Lebenslauf einfach wie der Lauf des Lebens erscheint.