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Was ist selbstverständlich?

Premiere im Fitz: „Traumkreuzung“
erschienen am 01.12.2015 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Was passiert, wenn sich Träume und Realitäten kreuzen? Zwei Kinder, zwei Lebenswelten: Beginnend mit dem Ton einer weit in den Raum nachhallenden Klangschale, erzählt das Ensemble Materialtheater Stuttgart & Théatre Octobre Brüssel in epischen Bildern von Elisabeth und Fazil. Die Nase winzig rund, Augen und Mund aufgezeichnet, leben die Figuren auf den Handflächen der Spielerinnen Sigrun Kilger und Annette Scheibler.

Zwischen mobilen Bühnenelementen, die wie von Zauberhand an feinsten Fäden versetzt werden, erleben die Zuschauer Kontraste: Hier Mitteleuropa, da Orient. Musiker Daniel Kartmann wechselt mit den Skalen, gespielt auf Metallofon, Zimbal und Altblockflöte, auch musikalisch die Klimazonen. Elisabeth glaubt zu träumen, doch dann meckern tatsächlich drei Ziegen vor Fazils Haus.

Anspruchsvoll im Erzählstoff, sinnlich mit wenigen Requisiten, humorvoll in den Worten und niemals hastend schreibt das Ensemble in der Regie von Alberto Garcia Sánchez die Geschichte mit Live-Musik fort, die sich von kulturellen Unterschieden und Gemeinsamkeiten nährt. Glühend beneidet Fazil Elisabeth, dass sie zur Schule gehen darf, während er schwere „Steine“ schleppen muss, die „riesige schwarze Wolken auf das dörfliche Feld spucken“.

Das Trio erzählt kindgemäß, erzeugt keine Angst, sondern vermittelt, wie ein Perspektivwechsel scheinbare Wahrheiten relativieren kann. Selbstverständlichkeiten geraten ins Wanken, wenn der nächste Bus erst in einer Woche kommt, Wasser knapp ist und Kinderarbeit Alltag.