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Welch eine bizarre Welt!

Das Fitz zeigt mit 'Ach, Wald' Figurentheater zum Gruseln
erschienen am 28.09.2013 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Auf eine Reise tief hinab ins Unterbewusste schicken die Figurenspieler Stefanie Oberhoff und Christoph Bochdansky die Zuschauer mit dem Stück ‚Ach, Wald‘. Dorthin, wo man sich nicht versteckt hinter andressierter Wohlanständigkeit. Wo der Mensch seine Begierden und Gewaltfantasien ungestraft ausleben kann. Hier darf man auch genüsslich ein Bein wie einen Hähnchenschlegel abnagen.

Lustvoll und virtuos lassen Oberhoff und Bochdansky ihre Figuren durch ein unheimliches Moor aus bizarr verkarsteten, wie gehäkelt wirkenden Urweltgewächsen irren. Besonders kunstvoll wirkt eine Klangrose von Soundkünstlerin Geri Pappenberger: ein Mix aus Naturgeräuschen – eine trügerische Idylle aus Bachgeplätscher und Vogelgezwitscher. Doch hinter den sanften Tönen spüren die Spieler Begierde und Mordlust auf: Eine Mondsichel kopuliert mit einer Wolke. Zarte Flugwesen werden von den Wolfsrachen riesiger Häkelmonster verschlungen. Zwischen ihnen geistert der versnobte Adel aus Arthur Conan Doyles Krimi ‚Der Hund von Baskerville‘ umher. Samt Meisterdetektiv Sherlock Holmes und Doktor Watson. Ein auf Handpuppengröße geschrumpftes Ensemble fantasievoll kostümierter Kleingeister auf Mörderjagd.

Ihre Umtriebe geraten Regisseur Marcel Keller jedoch zu betulich. Auch hätte man der Inszenierung manch betont ausgespielte Länge weniger gewünscht. Dennoch gefällt der Abend, weil Oberhoff und Bochdansky jedem Unterweltwesen mit Stimme und Figurenführung ein unverwechselbares Profil zwischen Verletzlichkeit, Einfalt und Aggressivität verleihen. Vor allem aber gelingt den beiden Künstlern mit ihrem Spiel in der kargen Schönheit der von ihnen geschaffenen Fantasiewelt eine spannungsreiche Synthese aus bildender Kunst und Figurentheater.