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Welttheater im Schnelldurchlauf

erschienen am 04.11.2008 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – „Faust“ in 70 Minuten ist ein Geschwindigkeitsrekord. Wo andere lange Bühnenstunden inszenieren, verdampfte das Stuttgarter Figurentheater Wilde & Vogel gemeinsam mit dem Wiener Christoph Bochdansky eine der bedeutendsten Tragödien der deutschen Literatur zu einem mystisch-lustvollen Spektakel mit viel farbigem Pathos. „Faust spielen“ heißt die durchaus sinnstiftende Mini-Menschheitsparabel, die als weitgreifendes Kooperationsprojekt im Stuttgarter Fitz Premiere hatte.

Liebe, Leiden, Wissenschaft

Vor Beginn der Vorstellung glaubt man kaum, dass bei so viel Weglassen aus der Tragödie erstem und zweitem Teil überhaupt ein Wiedererkennungseffekt mit Goethes Großwerk entsteht. Tatsächlich haben sich die Spieler Christoph Bochdansky und Michael Vogel mit Unterstützung der Live-Töne von Charlotte Wilde an die wichtigsten Themen gehalten: Liebe, Leiden, Wissenschaft. Regisseurin Christiane Zanger sorgte mit sorgfältigem Überblick und spürbarer Führung dafür, dass sich das schäbig-prächtige Panoptikum nicht in den zahlreichen Episoden verliert.

Die beiden Spieler stehen da, der kleine Bühnenvorhang in samtigem Ochsenblutrot reicht ihnen bis an die Hüfte, und ein kleines Welt­theater tut sich auf. Der alte Faust schaut als schaurig-schöne Marionette zurück auf sein Leben. Das Fazit ist niederschmetternd. Es fehlt ihm an wissenschaftlicher Erkenntnis, und mit dem Genießen klappt’s auch nicht. Gute Voraussetzungen für Mephisto, der mit Gott wettet, dass er den frustrierten Griesgram verführen kann. Viel Rauch um nichts, heißt das auf die Bühne übersetzt. Da quillt Qualm aus einer blauen Mülltüte, in die sich Faust wie in einen Kokon zwängt. Das ist zu eng, da muss er raus. Schließlich schließt er mit Mephisto einen teuflischen Pakt, den er mit seinem Blut besiegelt. Dem Klumpfuß verdankt er die unheilvolle Affäre mit Gretchen und viel faulen Zauber auf diversen schrägen Partys. Während Gretchen in heller Verzweiflung ihr Kind tötet, amüsiert sich der Herr beim Grotesktanz der Hexen auf dem Blocksberg. Zu wabernden Weihrauchschwaden, haucht Gretchen in größter Not den Kernsatz: „Heinrich, mir graut’s vor dir.“

Die Sauerei vom ersten Teil wird weggeräumt. Die Handpuppen, Marionetten, Masken und Figuren sind die von banalen Alltagszwängen befreiten Spielzeuge der Fantasie. Sie erstarren. Die Spieler haben Pause auf offener Bühne. Ein Schluck Wasser, dann folgen karikaturhafte Bruchstücke des Zaubertheaters zweiter Teil.

Magische Kraft

Auch wenn das Drama nicht zu einem komplexen Gebilde zusammengesetzt wird, bewahrt es sich jene magische Kraft, die aus den Gerüchen, den sanften Tonfolgen, dem Höllenlärm, der Darstellungskraft der Spieler und der Intensität des Figurenspiels entsteht.

Aus der Schicht des Vergessenen steigt in Fragmenten die Lebensreise des verführten Verführers auf. Die tieferen Einblicke ins Weltgeschehen ändern nichts am Verlauf des Karikaturentheaters: Eine Lebenserinnerung reduziert sich auf die Momente des Glücks, der Verzweiflung und der Armseligkeit. Dem entspricht ein komprimiertes Kreaturenspiel voller mystischer Sinnlichkeit, das keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt. Teuflischen Spaß macht’s trotzdem.