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Wenn die Kaffeekanne klappernd plappernd über die Bühne rutscht

Ein Glücksfall spielerischen Philosophierens: Drei Affen des Ensembles Materialtheater im Lindenfels-Westflügel
erschienen am 01.01.1970 in Leibziger Volkszeitung
von Steffen Georgi

Ein Glücksfall spielerischen Philosophierens: „Drei Affen“ des Ensembles Materialtheater im Lindenfels-Westflügel

Kennt man ja – man wälzt sich nachts aus dem Bett, weil man Durst hat oder auf die Toilette muss. Tappt lustlos, das Licht gar nicht erst anmachend, im Dunkel durch die Wohnung. Und stößt dabei, fast eine Gesetzmäßigkeit, schmerzhaft an irgendeinen verdammten Stuhl oder was auch immer da plötzlich im Weg steht. Nun gehen wir in unserer Ich-Bezogenheit davon aus, dass unser müdes Hirn und Nachtblindheit die Orientierung vernebelten – aber in Wirklichkeit ist alles ganz anders.

Im seinem Buch „Dinge und Undinge“ unternahm der Philosoph Vilém Flusser einmal den reizvollen Versuch, gewöhnliche Gegenstände so zu betrachten, als sähe man sie zum ersten Mal. Ein fast unmögliches Unterfangen, weil es, so Flusser, ein Vergessen, ein Ausklammern der Gewöhnung, also aller Erfahrung und Kenntnis von dem Ding voraussetze.

Also eine Reise zurück in den Ur-Zustand, hin zur ersten Begegnung zwischen Mensch und (unbekanntem und unbenanntem) Ding. Ein Gastspiel des Ensembles Materialtheater Stuttgart ermöglichte diese Reise am Wochenende im Lindenfels-Westflügel. Das Stück „Drei Affen“ (Regie: Alberto Garcia Sanchez) ist ein Glücksfall spielerischen Philosophierens.

Zu Beginn ist da ein Erzähler, der gleichzeitig als Musiker fungiert. Von „einer Zeit außerhalb unserer Zeit“ wird berichtet. Von einem Land Dingda, in dem die Menschen – drei davon betreten die Bühne – einen Kauderwelsch, irgendwie nach schwedischem Italienisch mit deutschen Versatzstücken klingend, sprechen. Und beginnen, Dinge für sich zu entdecken: Stühle, Papiertaschentücher, Tassen, Kaffeekannen, Mülltonnen. Dinge, die sie zum ersten Mal im wahrsten Sinne begreifen und – mitunter recht bizarr – nutzen. Nur: Die Dinge führen ein Eigenleben. Sind, wenn man so will, beseelt. Und proben alsbald den Aufstand – weil auch in Dingda eben die Menschen letztlich sind, wie sie sind.

Man sollte sich vom Märchencharakter, vom Parabelhaften und Clownesken, das hier anklingt, nicht täuschen lassen. „Drei Affen“ ist gewiss eines nicht: einfältig. Stattdessen offeriert sich in diesem Spiel eine Welt-Entdeckungsgeschichte. Ein Staunen über das Staunen zumal. „Drei Affen“ löst das Paradoxon, etwa einen Stuhl oder ein Kehrblech noch einmal zum ersten Mal zu sehen.

In Szene gesetzt ist das tricktechnisch mitunter virtuos. Wie da, wie von Geisterhand bewegt, die Kaffeekanne klappernd plappernd über den Bühnenboden rutscht, ein dreibeiniger Stuhl hinterherhinkt oder eine Mülltonne blechern Reden hallt, macht „Drei Affen“ zur Burleske über die Entdeckung und die Okkupation der Welt – und deren Aufstand dagegen. Ein Aufstand, der in der inneren Immigration aller Dinge mündet. Stumm und starr zeigen die sich jetzt – und wir glauben, dass sie es sind. Sogar, wenn sie sich uns auf unserem nächtlichen Gang zu Kühlschrank oder Klo heimlich und schadenfroh in den Weg stellen.