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Wenn Kleist die Pflastersteine tanzen lässt

Feingliedrig, bizarr, faszinierend: „Über das Marionettentheater"
erschienen am 30.04.2011 in Stuttgarter Nachrichten
von Horst Lohr

Eine knappe Stunde nur dauert dieser zauberhafte Abend. Doch die Zuschauer erleben, was Figuren- und Objekttheater auf hohem Niveau so faszinierend macht: Im Fitz in Stuttgart sind die Grenzen zwischen Spieler und Puppe aufgehoben. Die drei ausgezeichneten Darsteller lassen es zu, dass sie von feingliedrig-bizarren Wesen aus Stoff und Gips mit einem kunstvollen Geflecht von Strippen in eine geheimnisvolle Fantasiewelt entführt werden.

„Über das Marionettentheater“ nannten Torsten Gesser und Björn Langhans vom Theater des Lachens in Frankfurt/Oder und die Stuttgarter Figurenspielerin Therese Böhm ihre Bühnenreflexion über Heinrich von Kleists gleichnamigen Aufsatz. Die auf die Bühnenrückwand projizierten Thesen des Dichters über die Bewegungsmöglichkeiten der Marionette verdichtet Regisseur Frank Soehnle in poetisch-witzigen Bildern von der Überwindung der Schwerkraft. Auf einem rhythmisch und melodisch fein gewebten musikalischen Teppich trommelt eine Horde frecher Pflastersteine beim Katz-und-Maus-Spiel mit einem Kugelmännchen einen dreisten Takt auf den Bühnenboden. Affektierte Stofflappen-Hunde plustern sich auf. Oder ein dürres Männchen nötigt die Spieler zum Mambo, bis die drei erschöpft aufgeben.

Bei allen Szenen beeindruckt genau choreografierte Leichtigkeit. Die Marionetten scheinen ständig grazil davon zu schweben. In eine magische Welt, in der die Spielerin Therese Böhm eine Puppe gebiert, um mit ihr zu einem Zwitterwesen zu verschmelzen. Und in der die drei Spieler mit geschickten Fingern zwei langbeinige Tänzerinnen beim Pas de deux in den Bühnenhimmel gleiten lassen.