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Wer bin ich also?

"Kafkas Schloss. Ein Machtspielchen" von Thalias Kompagnons, Nürnberg
erschienen am 01.06.2009 in Double
von Katja Spiess

Schwupp, da wird sie in die Welt geworfen – und das im wörtlichen Sinne. In hohem Bogen fliegt die kleine gesichts- und farblose Holzfigur auf Bühne, wo sie fortan als Landvermesser K. ihren vergeblichen Kampf gegen die Hierarchien und Bürokratien dieser Welt aufnehmen wird.

„Ein Machtspielchen« nannten Thalias Kompagnons ihre Adaption von Kafkas Romanfragment „Das Schloss«: Die große Parabel auf die Vergeblichkeit menschlichen Tuns und Strebens wird hier zum figurentheatralen Schachspiel. Und das Erstaunliche ist, dass in der »Verkleinerung« des Szenarios die »tragische Größe« der kafkaesken Figuren um so deutlicher aufscheint.

Aus Schachteln, Schubern und Kartons zaubert der Puppenspieler und Spielemacher (Tristan Vogt) alle Protagonisten des Romans hervor: gleichartige und wie unfertig holzgeschnitzte Puppen, die sich im Wesentlichen durch Farbakzente und wenige Attribute voneinander unterscheiden. Wie Kafkas Protagonisten sind auch sie einer undurchschaubaren und unberechenbaren Autorität ausgeliefert: Je nach Bedarf werden sie vom Puppenspieler ausgeschüttet, aufgestellt, arrangiert, animiert, eingesammelt und entsorgt. Und auch der Spieler selbst, ein bis an die Grenzen der Verzweiflung agierender Akten- und Figurendompteur mit pomadigem Haar und zu kleinem Anzug, erweckt den Eindruck eines fremdgesteuerten Wesens. So als stünde eine unbekannte Macht hinter ihm (oder säße ihm gegenüber, mitten im Publikum), die ihn zwingt, die kleinen Holzuntertanen zu manipulieren und zu unterwerfen.

Ort der Aktion ist ein weißes Resopaltischchen, auf dem die Figuren, als seien sie in Kafkas trister und menschenfeindlicher Schneelandschaft gelandet, erstaunlich verloren aussehen können. Durch immer neue Figuren-und Behältnisarrangements geschleust – grotesker Höhepunkt ist die Szene beim Dorfvorsteher, in der der Spieler seine Puppen unter einem Stapel Leitz-Ordner zu begraben droht – müht sich K. seine Rolle in der Welt zu finden. „Wer bin ich also?« lässt Kafka seine Hauptfigur an einer Stelle fragen. Und diese Frage ist es auch, die die Inszenierung (Regie und Ausstattung: Joachim Torbahn) konzeptionell und formal bestimmt. Die Dramen- und die Spielfiguren bleiben Rohentwürfe: soziale Masken, erstarrt in ihrem Kampf um menschliche und berufliche Anerkennung. Indem der Spieler mit seinem Körper die Bewegungen und Impulse der Puppen vergrößert und verlängert, hält er sie in eben jenem Schwebezustand, der Kafkas auf dem Weg zur Individuation sich verfangende Protagonisten auszeichnet. Sie sind – und das ist in dieser Inszenierung durchaus doppeldeutig gemeint – ein Stück weit im Objektstatus verblieben. Und umgekehrt vermag die dingliche Welt zuweilen eine fast menschliche Bösartigkeit anzunehmen, wie zum Beispiel die Häuser des Dorfes, die K. bei seiner Ankunft umringen und ihm den Zutritt verweigern („Gastfreundschaft ist bei uns nicht Sitte«).

Konsequent durchmisst die Inszenierung all die tragischen Facetten von K.’s sinnlosem Existenz- und Selbstbehauptungskampf und ist dabei doch umwerfend komisch. Gerade indem sie die Dramenpersonnage in der Schwebe zwischen Subjekt und Objekt, Akteuren und Requisiten hält, schlägt sie aus den absurden Ritualen sozialer Zugehörigkeit irrwitzige Funken. Thalias Kompagnons entdecken in Kafka den existenziellen Clown, einen Vorläufer Samuel Becketts, dessen Protagonisten zu bezeugen scheinen: »Nichts ist komischer als das Unglück.«

double 2/2009