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Wer zieht die Fäden? Wer hat die Macht?

erschienen am 26.09.2018 in Kulturreport Stuttgart
von Gabriele Metsker

Bild Puppen machen: LärmDie Initialzündung für die neue Bearbeitung der Parabel „Lärm“ von Alberto García Sánchez war eine denkwürdige Zufallsbegegnung auf einem Dachboden einer mit dem Ensemble des Figurentheater Fitz befreundeten Familie in Bayern. Was dort plötzlich, verpackt in einen staubigen Sack, aus einem typischen Dachbodenschrank auftauchte, hatte Charakter, Patina und Erfahrung: ein fantastisches Material. Die wettergegerbten böhmischen Stabmarionetten boten genau das Personal, das für die theatrale Neuerzählung der Geschichte nötig war: Sie sind eigenwillig, abhängig und für fast jede Zumutung zu haben.

Uraufgeführt wurde die Parabel mit dem Titel „Lärm“ bereits 2012 im Rahmen des Internationalen Figurentheaterfestivals Imaginale im Fitz, ebenfalls vom Ensemble Materialtheater. Als Folie für das Theaterstück dient eine Episode aus der griechischen Mythologie: Europa, verführt und geschwängert von Zeus, gebiert zwei Kinder: eine Tochter, Annabelle, und einen Sohn, Archibald, Geschwister, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Als die beiden ein Puppentheater geschenkt bekommen, eskaliert der Konflikt. Was soll man anfangen mit diesen ganzen schrägen Figuren? Für Annabelle ist die Sache klar: lenken, disziplinieren, Gewinn machen. Archibald, überzeugt vom Gutem im Menschen, denkt anders: Was wäre, wenn man es einfach mit Solidarität versuchte? Annabelle beginnt einen gnadenlosen Kampf.

Soweit der Plot, aber warum macht sich das Ensemble nun an eine zweite Inszenierung des Stoffes? Warum „Puppen machen: Lärm“? Annette Scheibler, Frontfrau des Ensemble Materialtheater, beschreibt das so: „Weil nichts besser geworden ist. Im Gegenteil: Die Konflikte innerhalb und zwischen Staaten nehmen zu. Demokratische Instrumente werden europaweit dazu verwendet, Demokratie zu zersetzen. Plötzlich steht die Frage im Raum, ob Demokratie etwas ist, das auch mal vorbeigeht? In Deutschland dominiert die Flüchtlingsdebatte den Diskurs und verdrängt die zugrunde liegende Polarisierung der Gesellschaft in Arm und Reich. Worum es damit nicht mehr geht, sind die Fragen: Wer hat die Macht und wer nicht? Wer zieht die Fäden, wessen Fäden werden gezogen?“ Für sie ist das eine Frage, die wie geschaffen ist für das Figurentheater.

Ideen lassen sich nicht töten

In der ersten Fassung von „Lärm“ 2008 hatte das Ensemble vorwiegend auf Clownspiel mit menschlichen Darstellern gesetzt. „Ein Schauspieler ist immer eine eigene Person. Das macht es leicht, sich zu distanzieren“, erläutert Annette Scheibler. „Puppen sind gar nichts, bis der Zuschauer sie mit seinem Leben erfüllt. Sie sind gleichzeitig fremd und sehr nah. Wenn wir zuschauen, wie Annabelle mit ihnen umspringt, ist das gleichzeitig komisch und schrecklich.“ In „Puppen machen: Lärm“ wird um die Seele Europas und der Welt gerungen. Nur in der Puppenwelt? Annette Scheibler: „Wir müssen entscheiden, ob wir Puppen sein wollen.“

Das wirkliche Alter der Puppen liegt übrigens im Dunkel. Sicher ist: Den Fall des Eisernen Vorhangs, den Zusammenbruch der UdSSR und den Siegeszug des neoliberalen Raubtierkapitalismus haben sie bereits in gesetztem Alter erlebt. Das macht sie zu idealen Zeitzeugen und Darstellern der jüngeren Gegenwart. Und wenn man sich die Macken und Scharten in ihren Holzköpfen einmal genauer ansieht, könnte man glauben, dass etwas weniger Annabelle und etwas mehr Archibald sehr hilfreich sein könnte.

„Puppen machen: Lärm“ ist eine Koproduktion des Ensemble Materialtheater Stuttgart und des Théâtre Octobre Brüssel mit dem „FITZ! Zentrum für Figurentheater“. Sie ist zugleich der vierte Teil des Theaterzyklus „Heimweh nach der Zukunft“. Es spielen Julia Bianca Jung, Sigrun Kilger, Annette Scheibler, Daniel Kartmann und Luigi Consalvo. Regie führt Alberto García Sánchez.