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„Wie wenig lässt man sich gehen“

Uraufführung von „Carambolage. Ein Oskar für Schlemmer“ im Stuttgarter Fitz
erschienen am 24.09.2008 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Der Titel signalisiert, worum es dem Wanke Ensemble, dem Figuren Theater Tübingen und Helmut Landwehr in dem multimedialen Tanzabend geht: „Carambolage“, zu sehen im Stuttgarter Fitz, steht für die Auseinandersetzung mit einem der vielseitigsten Bauhaus-Künstler, der sich schon früh mit der Synthese der Künste befasste. Oskar Schlemmer, vor 120 Jahren in Stuttgart geboren, machte mit seinen übergreifenden Tätigkeiten als Wandgestalter, Plastiker, Maler und Erschaffer des „Triadischen Balletts“ deutlich, dass er sich stets um ein Gesamtkunstwerk bemüht hat. So verknüpfen die beiden Spieler Robert Atzlinger und Karin Ould Chih unter der Regie von Frank ­Soehnle und Enno Podehl die Musik (Johannes Frisch und Stefan Mertin), den Tanz, die Figuren, Masken und Objekte von Sylvia Wanke mit dem Text von Helmut Landwehr und Robert Atzlinger zu einem formenstrengen Spiel der Sinne.

Finstere Bühne für finstere Zeit

Die Annäherung in fünf Schritten an den von den Nazis verfemten Künstler beginnt 1940, als Schlemmer zurückgezogen in den dunklen Räumen des Wuppertaler Lackfabrikanten Kurt Herberts arbeitet. Entsprechend finster ist der nüchterne Bühnenraum mit langem Tisch und einer breiten Bank, wie sie vor großformatigen Gemälden in Museen stehen könnte. Schlemmer arbeitet an seiner letzten Werkgruppe, den „Fensterbildern“. Er beobachtet, was hinter den anderen Fenstern vor sich geht und sagt: „Ich sehe alles vom Dunkeln aus.“ Verfolgt und in seinem geistig-künstlerischen Schaffen vollkommen gelähmt wurde er krank und stirbt 1943 in einem Sanatorium in Baden-Baden.

Der „Idealist der Form“ suchte in der Geometrie des Raumes und im Maß des Menschen die künstlerische Vollendung. Die Umsetzung auf der Bühne gelingt mit dehnbaren Bändern, die das Dreidimensionale des Raums immer wieder neu markieren, und mit Kugelfiguren, die an die Figurinen und Kostümkörper des „Triadischen Balletts“ erinnern. Ein Tanz von Bällen und glänzenden Ringen verdeutlicht die Formenvorliebe Schlemmers, der gehetzt und mit wilder Grimasse über einer Plastikkugel durch das punktuell erleuchtete Bühnendunkel schwankt. Das Gleichgewicht zu halten ist schwer. Die äußeren Umstände bringen Schlemmers Leben zusehends in Schieflage, bis am Ende den tanzenden Fingern die Beine wegknicken.

Der Künstler träumt davon, die romantischsten Ideen radikal abstrakt darzustellen und fragt sich, seiner Zeit weit voraus, ob man sich unter „metaphysischem Theater“ etwas vorstellen kann. Er beschwört „den Kanon der Gleichmäßigkeiten“, zu dem die Spieler eine strenge Performance mit Formen entwerfen.

Sehnsucht nach Leichtigkeit

Tänze mit Masken oder Stangen, die an XXL-Mikadostäbe erinnern, schaffen heitere Momente. Auch die lautmalerische Rezitation der Namen der Bauhaus-Kollegen Gropius, Mies van der Rohe, Kandinsky, Moholy-Nagy und Itten wirken vergnüglich. Diese wenigen heiteren Momente verdeutlichen die Sehnsucht nach Leichtigkeit, wenn Schlemmer seufzt: „Wie schwer macht man sich’s, wie wenig lässt man sich gehen.“ Bei aller Ernsthaftigkeit zeigen Auszüge aus Tagebüchern und Briefen auch die kuriose Seite des Universalkünstlers.

Mit Hilfe einer dynamischen Cho­reographie des Lichts (Karin Ersching), dem Schattenspiel vor Videoprojektionen und der immer neuen Formensprache ist allen Beteiligten ein wunderbares und kurzweiliges Kabinettstück modernen Figurentheaters geglückt. Vor allem Karin Ould Chih zeigt eine Glanzleistung an Körperbeherrschung beim beeindruckenden Tanz mit Stäben und Masken.