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Wilde, zahme Kreaturen

erschienen am 03.03.2020 in StZN
von Brigitte Jähnigen

Mechthild Nienaber und Lutz Großmann inszenieren im Fitz „Die Katze, die tut, was sie will“

Stuttgart. Das Paradies ist eine Wildnis. Und der liebe Gott eine Frau. Sie zähmt alle: den Mann nd die Tiere, die die Wildnis seit eh und je bewohnten. Eine schöne Schöpfungsgeschichte hat Horst Hawemann (1940–2011) geschrieben. Mechthild Nienaber (Puppen) und Lutz Großmann (Spiel) bringen sie für Kinder ab fünf Jahren im Figurentheater Stuttgart (Fitz) auf die unmöblierte Bühne. Nienabers Puppen sind armlange Figuren aus Textilien, beweglich mit Händen zu führen. Das kann Lutz Großmann so professionell, dass er Pferd, Hund, Katze und den wilden Tiger in der Wahrnehmung seines Publikums zum Leben erweckt. Aufmerksamkeit verschafft sich der Figurenspieler zudem mit dem Klang einer großen Trommel und einer wohlklingenden Spieluhr.

Typ Neandertaler

Am Anfang wollen alle Geschöpfe wild sein, dem eigenen Trieb folgen. Doch dann zaubert Großmann einen Mann ins Spiel. Einen Menschen, grob im Äußeren, grob in den Manieren. Und von Frauen, versichert der Erzähler, hat er, Typ Neandertaler, keine Ahnung. Das amüsiert vor allem das erwachsene Publikum. Nach Offerten der Frau („Ich bin wild und klug und zahm“) trappelt das Puppenpaar etwas verlegen auf dem Trommelfell herum und küsst sich schließlich. Anschließend wird der Bauch der Trommel zum Haus. Von jetzt an will die Frau alles zähmen, was sich auf Regal, Hocker und in den Händen des Figurenspielers bewegt. Ihre Vision: eine glückliche Familie gründen.

Und so klingt alles bekannt, nachdem die Frau die Hausregeln erstellt hat: abmelden beim Gehen, anmelden beim Kommen, Türe schließen, Schuhe säubern. Mit Augenzwinkern hat der Autor Hawemann auch bedacht, dass die Liebe durch den Magen geht, und so kocht die Frau ganz zweckgebunden mit wilden Zutaten die köstlichsten Gerichte. Mann und Tiere werden domestiziert. Nur die Katze, die tut, was sie will. Sie erfindet ihre Mittel, um mit Schnurren, Raffinesse und Humor zum Ziel zu kommen: dazuzugehören und trotzdem eigene Wege zu gehen.

Vor dem Tiger bewahrt

Hawemanns Text ist so wundervoll mit Symbolen gespickt, lebensnah und köstlich interpretiert, dass die Spielzeit von 45 Minuten wie im Fluge vergeht. Gebannt und angerührt beobachten die Zuschauer, wie ein Baby geboren wird. Wie es sich – den Gesetzen der Evolution folgend und von Großmann geführt – auf allen vieren erst rückwärts schiebt, dann vorwärts krabbelt und schließlich aufsetzt. Und immer wieder wird es die unzähmbare Katze sein, die das junge Glück vor dem bösen Tiger bewahrt. Ihr praktisches Motiv: Wer nach vorn schaut und keine Angst sieht, der hat sie hinter sich.