Springe zur Navigation

Wo Schweine Geld waschen

erschienen am 13.03.2006 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Was sind die Ärmchen so dünn, die Beine wie Streichhölzer, die Gesichter fahl und eingefallen. Den Grünlingen – das ist nicht zu übersehen – geht es schlecht. Arm, krank, hungrig sind sie, und als Lorina vorbeikommt, ein kleines Mädchen aus ordentlicher Familie, da strecken die Grünlinge ihr die dürren Händchen entgegen und krächzen „Hast du was zu essen?“ und „Bist du gekommen, um zu helfen?“ Die Grünlinge müssen leider draußen bleiben, deshalb nennt man sie auch Draußer, während die Drinner sich drinnen im Schloss den Bauch voll schlagen. Und weil ein anständiges Märchen ein mutiges Kind braucht, geht Lorina aufs Schloss, Essen holen für die hungrigen Grünlinge.

Aber es ist eine schlechte Welt, die in dem Stück „Schloss Draußen-Drin oder wie man König wird“ gezeigt wird, denn diese Welt ist durch und durch kapitalistisch. Hier die Tiere, die ausbeuten, Geld anhäufen und sich Übergewicht anfressen, dort die Grünlinge, die verhungern und verrecken. Und dazwischen das Mädchen Lorina, das sich für Menschlichkeit einsetzt. Der englischer Theater- und Kinderbuchautor David Henry Wilson hat die Geschichte von Schloss Draußen-Drin erfunden, die nun im Jungen Ensemble Stuttgart (Jes) Premiere hatte. Die Parabel richtet sich an Kinder von acht Jahren an, die in zwei durchaus spannenden Stunden allerdings so heftig mit der pädagogischen Keule traktiert werden, dass sie fürs Leben lernen: Theater ist eine moralische Anstalt.

Das Jes, das Fitz und die Figurenspielerin Anne-Kathrin Klatt haben sich für die Produktion zusammengeschlossen. Fünf Akteure spielen gemeinsam mit den ausdrucksstarken und witzigen Figuren von Mechtild Nienaber, die prägnant menschliche Gesten karikieren. Es trifft sich also geballte Kompetenz in Sachen Kinder- und Figurentheater -und es ist ein Jammer, dass ausgerechnet diese Textvorlage gewählt wurde, die selbst für eine Parabel allzu eindimensional ist.

Lorina landet erst einmal in der Verwaltung des Schlosses, wo sie um Essen bittet. „Was in unserer Macht steht, wird getan“, sagt die Ratte. Das ist Mittagspause und Feierabend machen und dazwischen ein Blick ins Dekollete der Kollegin werfen. Lorina kommt zum Bauern, der Äpfel verheizt, damit die Quote erfüllt wird, zum König, der nur in den Spiegel glotzt, und zum Sparschwein, das Geld wäscht.

Schloss Draußen-Drin spiegelt unsere degenerierte Gesellschaft mit ihren absurden Agrarreformen, der eitlen Selbstbeschau, dem Materialismus – aber muss man das im Kindertheater so plakativ anprangern? Karin Eppler unterstreicht diesen pädagogischen Duktus sogar noch, dennoch ist ihr eine amüsante und lebendige Inszenierung gelungen, die durch schöne Theatermomente und gute Schauspieler besticht. Corinna Bath’ja Maisano ist das mutige kleine Mädchen. Anne-Kathrin Klatt, Martin Bachmann, Franz Frickel und Uwe-Peter Spinner teilen sich die übrigen Rollen und führen versiert die Figuren. Manche der Witze sind nur für Erwachsene, auch die Szene, als das Mädchen geköpft werden soll, ist für Kinder heikel. So ist „Schloss Draußen-Drin“ als Theaterereignis stimmig und gelungen, berücksichtigt aber nicht die spezifische Erlebniswelt der Kinder. Die Botschaft richtet sich an den Falschen: Die Kinder sollen die Moral löffeln, die den Erwachsenen nicht schmeckt.