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Wo sich Leid und Intrige „Gute Nacht“ sagen

erschienen am 07.11.1999 in Badische Zeitung
von Sabine Ehrentreich

Wenn die Lörracher Figurentheater-Tage nur annähernd so weitergehen, wie sie am Mittwoch begonnen haben, dann muß man ihnen sehr viele Zuschauer wünschen – und den Zuschauern dieses Erlebnis. Michael Vogel, Puppenspieler des Stuttgarter Duos Wilde & Vogel, bestätigte am Auftaktabend, was Kulturreferent Helmut Bürgel zur Begrüßung vorausgeschickt hatte: Das Spiel mit Figuren ist alles andere als eine randständige Form und muß sich hinter dem „richtigen“ Theater nicht verstecken. Michael Vogel und Charlotte Wilde, die die wichtige musikalische Begleitung besorgte, bescherten dem kleinen, aber äußerst gebannten Publikum in der Aula des Hans-Thoma-Gymnasiums einen Abend von großer Spannung und Dichte – und das mit sparsamen Mitteln. „Exit – Eine Hamlet-Fantasie“ nannten sie ihr Stück, das die Personen aus Shakespeares Klassiker nacheinander auf die Bühne bestellt. Diese Bühne: eine schräge Rampe aus losen Brettern, unter denen die Puppen ruhen, bis ihr Meister sie nach und nach ans Licht holt und mit einem Griff, einer Geste, einer Wendung – einem kleinen Dreh, der sichtbar ist und doch verborgen bleibt, zu lebenden Wesen macht.

Immer ist der Puppenspieler mit ihnen auf der Bühne – oft als agierender Partner der Figur, die er zugleich zu führen hat -, immer bleibt vollkommen transparent, wie das Leben in die Puppe kommt, und doch haben diese Figuren Fleisch und Blut, sind sie Charaktere von großer Intensität, weil sie großartig gemacht und mit hoher Sensibilität und Präzision geführt sind. Eine etwa metergroße zerlumpte Gestalt, grau in Grau, schmal mit überlangen Gliedern, die wenige Male über die Rampe gezerrt, geschoben wird – das Leiden selbst. Claudius, ein faustgroßer Kopf nur, dem Vogel, unterm Tuch versteckt, seine übergroßen Hände und Schultern leiht – die Intrige in Person, Hamlets Mutter eine abgehalfterte Diva, Ophelia ein esoterisches Wesen, ein Hauch nur. Ein knorziger Kommentator, die schönste der Puppen vielleicht, verleiht dem Ganzen nach langsamen, poetischen Passagen Witz und Drive, Shakespeares Englisch kommt wie Musik von der Bühne, Michael Vogel ist nämlich nicht nur als Puppenspieler gefordert, sondern auch als Darsteller, Sprecher, Musiker. Er macht das mit Bravour.

Vollkommen verschieden sind die Figuren in Größe und Machart, von Sequenz zu Sequenz bedient sich Vogel zudem neuer Mittel, und doch ist die „Hamlet-Fantasie“ der jungen Stuttgarter eine Inszenierung aus einem Guß – und eine wunderbare Verführung zum Figurentheater.