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Zärtliche (Ein-)Weihung

Spleen! - erste im Westflügel entstandene Figurentheater-Produktion bejubelt
erschienen am 23.09.2006 in Leipziger Volkszeitung
von Stefanie Möller

Der Schauplatz ist ein weißes Laken auf dem Boden, gerade in den Maßen eines französischen Bettes. Man ahnt darauf den unruhigen Baudelaire, dessen Beobachtungen des Tages seine Nächte heimsuchen und sich die Schlafstätte zur Bühne nehmen. Die verlorenen Kreaturen aus den dunklen Gasse vom Paris machen hier das Licht an und tanzen ihren letzten Traum, „Entertainment zwischen Mittelalter und „The Cure“ hatte Hendrik Mannes für „Spleen“ am Donnerstag versprochen Aber die erste im Westflügel selbst produzierte Inszenierung von Charlotte Wilde und Michael Vogel ist viel mehr.

Als Vorlage diente Charles Baudelaires späte Sammlung „Der Spleen von Paris“ von 1869. Baudelaire, selbst passionierter Melancholiker, beschreibt In lyrischer Prosa die dunkle Seile der Moderne, das Scheitern von Menschen und Utopien, die Sehnsucht nach dem Leben, der Erotik, dem Tod. Mannes lässt das ausgerechnet von acht Kindern und Jugendlichen einsprechen – und es klingt wunderbar! Da ist kein bemühtes Spielen, kein falscher Ton; wenn es lakonische Empfindsamkeit gibt, dann ist sie hier zuhören.

Charlotte Wilde spielt auf der Geige himmlische Melodien aus Folk und Volkslied, lässt die Gitarre rocken und gibt dem Delirium den Eloktroklang. Die Figuren summen oder krächzen, nur der Kasper braucht das gellende Gekreisch beim Hinmetzeln von Kind, Henker, Tod und Teufel. Die meisten verlassen sich ganz auf ihre umwerfende Ausdruckskraft. Da ist der erschöpfte Tod im weißen Gewand, der sich erzählend, tanzend ein letztes Mal verausgabt. Da ist die nackte Geile mit Boa, die mit ihrem welken Fleisch aufreizend doch vergeblich kokettiert. Da ist das Fröschlein, das mit selbst für Frösche wirklich gewagten Posen um eine Seerose minnt. Da sind drei teuflische Gnome einer fantastischen Unterwasserwelt, die sich vermeintlich vom Spieler zähmen lassen, bloß um seine Zunge zu fressen.

Michael Vogel lässt sich das und mehr antun, denn er liebt die Objekte zärtlich als starke, beseelte Kreaturen. denen der Schwache sich hingibt. Das ist in diesem Stück deutlicher zu spuren als sonst. Wenn er sich etwa selbst als erstarrter „Nervöser, der eine Sekunde lang die Lust erfahren hat“, an einen morbiden Frauentorso schmiegt, sucht er Schutz bei der Mumie; wenn er mit einer mondsüchtigen Bleichen tanzt, wird das Gesicht dieser Maske an seinen Schultern lebendig! So wirkt auch der Tod, den der Spieler durch den Kuss des einäugigen Gnoms erfährt, tröstlich. Seine Blumen wirft Vogel im stürmischen Applaus fast heimlich den Figuren zu.

Ein Stück aus einem Guss ist die Inszenierung nicht; sie hat Längen, zeigt in manchen der lose gereihten Miniaturen zu viele Wiederholungen, die Technik spielt manchmal hörbar nicht mit, und es fehlt noch ein wenig der Fluss. Doch wenn Wilde und Vogel zum Schluss Elvis‘ „Don’t“ im Duett singen, dazu die güldne Mondsichel zu Boden kommt, um das elegant springende Fröschlein aufzunehmen, dann ist es die herzzerreißendste, zärtlichste (Hin-)Weihung des Westflügels, die sich denken lässt.