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Zeit-Relativität im Figurentheater

erschienen am 01.01.1970 in Stuttgarter Nachrichten
von Armin Friedl

Die Zeit gibt es in den verschiedensten Ag­gregatzuständen: Man kann sie haben, man kann sie finden oder auch verlieren, es gibt sie früher oder später oder noch früher oder noch später. Das Figurentheater Hibisskuss und Licht bewegt haben etliche von diesen Zuständen in der Collage „tempus“ zusam­ mengetragen und diese im Figurentheater Fitz vorgestellt.

Zeit ist vor allem Bewegung. Sehr körperbetont gehen die Schauspieler Dragica Ivanovic, Lisa Seidel-Kukuk, Annika Lund, Claudia d’Occhio und Marcus Pickering in der Inszenierung von Joachim Fleischer zur Sache. Bewegung ist aber relativ: Zwar bewegen sich die fünf mit weit ausholenden Schritten, de facto bewegen sie sich aber auf der Stelle. Dazu passt auch die Musik des Belgiers Wim Mertens, die einerseits sehr le­ bendig, harmonisch und melodiös ist, die andererseits aber auch auf Grund des Mini- mal-music-Stilprinzips mit ihren andauernden Wiederholungen und Variationen kleiner Taktteile auf der Stelle tritt, „tempus“ ist aber auch hoch konzentrierte Körperakrobatik und raffiniertes Schattenspiel.

Die Relativität findet ihre Entsprechung in der artistischen Komposition von Körper­ teilen oder in der scheinbaren Loslösung sel­ biger wie dem Kopf. Sehr frei vom Figurenspiel gehen die fünf an die Grenze ihrer kör­ perlichen Kräfte und wirken doch immer sehr filigran und anmutig.