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Zwischen Lustglück und Liebesbetrug

erschienen am 02.05.2011 in Potsdamer Neueste Nachrichten
von Dirk Becker

Haben wir Faust je so erbärmlich krächzen gehört? Was ist das bloß für ein Wicht, der da so ächzt und klagt und sich über die Bühne schleppt? Ein einsamer Alter. Bleich und gebrechlich und dem Tod näher als seinem kümmerlichen Lebensrest. Von Goethescher Größe ist an diesem Faust nichts mehr zu spüren.

Wenn das Figurentheater Wilde & Vogel sich mit Faust einen der Säulenheiligen der deutschen Literatur vornimmt und die Inszenierung mit „Faust spielen“ betitelt, kann man sich auf einiges gefasst machen. Wenn das Stück dann bei einer Länge von knapp 70 Minuten nicht nur der Tragödie ersten, sondern auch zweiten Teil auf die Bühne bringen will, ist mit einem regelrechten Parforceritt zu rechnen. Und mit welcher Freude und Schonunglosigkeit die Musikerin Charlotte Vogel und die Puppenspieler Michael Vogel und Christoph Bochdansky ihr „Faust spielen“ zelebrieren, war am Wochenende an zwei Abenden im T-Werk zu erleben.

Vogel und Bochdansky spielen wirklich. Oft wie zwei kleine Jungs, die zum ersten Mal den Text von Faust vor Augen haben. Vorgetäuschte Improvisation und walpurgisnächtlicher Umgang mit dem chronologischen Textablauf, wenn „Faust spielen“ irgendwo im zweiten Teil beginnt und dann fröhlich hin und her springt. Der Prolog im Himmel nur Fragment, die Pudelszene nur Gebell. Der Teufelspakt von diabolischer Schauerkraft, das Drama um Gretchen nur ein Episödchen. Aber da sind sie, die starken Momente dieser Inszenierung. Wenn das wilde und chaotische, von musikalischem Lärm und Geschrei begleitete Treiben auf der Bühne. für Momente zur Ruhe kommt. Wenn Christoph Bocgdansky stumm das Gretchen spielt und die Maske, die er trägt, eine Totenmaske ist und ohne viel Worte, ohne viel Erklärung den Rest erzählt. Wenn Michael Vogel bei der Regieanweisung „Anmutige Gegend“ ein kleines, stockartiges Gottesanbeterinnenmonstergetier durch glitzerndes Grün schweben lässt. Dann entsteht der typische Wilde & Vogel-Zauber, der aber schon mit der nächsten Bewegung wieder zerstört werden kann.

DIeses „Faust spielen“ ist eine Frechheit und ein Vergnügen. Ein Vor-den-Kopf-stoßen und dann wieder Einschmeicheln. Chaos und Weltuntergang. Lustglück und Liebesbetrug. Schlaglichtartiger Klamauk und minutenschwere ErnsthaftIgkeit. „Faust spielen“, eine Verwirrung, Faust spielen“, eine Zerstörung, zu dem Charlotte Vogel eine faszinierende und nervenzerreibende Klanggeschichte verfasst. DIRK BECKER