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Zwischen Mythologie und Jahrmarkt

Uraufführung von „Trickster - Fang mich, wenn du kannst“ am Stuttgarter Figurentheater Fitz
erschienen am 01.04.2017 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Abknallen oder nicht? Die Frau hat ein Jagdgewehr in der Hand. Soll sie auf das halbnackte Wesen mit Vogelschädel schießen oder nicht? Eine andere zielt mit einer Rauchkanone, die lustige Kringel abfeuert, auf eine Maskengestalt im korallroten Kimono. Trifft die Frau mit der Mini-Armbrust, wird die Chimäre mit Fuchskopf und Belzebubstiefelchen enthauptet und entmannt. Die Zuschauer haben es in der Hand, was auf der Bühne passiert und sind Teil der jüngsten Produktion des Figurenspielers Jan Jedenak. „Trickster – Fang mich, wenn du kannst“ hatte jetzt im Fitz Premiere.

Jan Jedenak ist „Dekoltas Handwerk“. Unter diesem Etikett entwickelt er in Zusammenarbeit mit wechselnden Künstlern aus den Sparten Musik, Tanz, Schauspiel und Figurentheater verführerische Theaterproduktionen – trickreich, magisch und ziemlich gegen den Strick üblicher Sehgewohnheiten gebürstet. Das Sonderbare beginnt schon an der Theaterkasse. Mit dem gefalteten Programmheft kann „Himmel und Hölle“ gespielt werden. Die Zeit bis zum Beginn der Vorstellung darf, wer will, mit bereitgelegten Süßigkeiten oder „Schandtaten“ überbrücken. Kleine Abreißzettelchen, die oft an Straßenlaternen kleben, wenn jemand eine Wohnung oder seine Katze sucht, fordern zu allerlei Unsinn auf: „Sag jemand die falsche Uhrzeit“, „hauch jemand die Brille an“, „klau einem kleinen Kind das Eis“. Im Theatersaal dirigiert Jan Jedenak die Zuschauer: Die ­Mutigen dürfen direkt auf der Bühne Platz nehmen. Mitmachen garantiert. Unter jedem Sitz liegt ein geheimnisvoller Umschlag, in dem die Verhaltensregeln für die kommenden 60 Minuten stehen: an kleinen Ritualen teilnehmen, einen gesunden Abstand zu den Schattengestalten halten und dem Raben helfen. Mit einer Lektion beginnt die poetisch-mystische ­Performance aus Bewegung, Magie, Tricks, Illusionen und Geräuschen.

Doppelköpfige Janusgestalt

„Alles im Leben ist vergänglich“, spricht der Zeremonienmeister, der fortan in bizarre Rollen schlüpft, und lässt den eben aufgeblasenen, mit einem Gesicht bemalten Luftballon platzen. Als doppelköpfige Janusgestalt in weißer Gummimontur symbolisiert er die Dualität von Schöpfung und Zerstörung. Jedenak häutet sich larvenartig nach jedem Publikumstreffer mit einem Pfeil, mit Bällen, Schuhen, einem Jumbo-Filzstift und erfindet sich danach mit anderen Gestalten und vielen Masken immer wieder neu. Abenteuerliche Konstruktionen wie eine Varieté-Guillotine beflügeln die Phantasie der Zuschauer, wecken Ängste und Gelüste: Abknallen oder nicht? Auf der Bühne stehen mysteriöse ­Kisten und Kanäle, wie man sie aus dem Varieté kennt. In denen verschwindet der flüchtige Magier, um sofort wie Phönix aus der Asche zu sphäri­schen Klängen in neuer Gestalt wieder aufzutauchen, seine makabren Wurf- und Schießspiele mit dem begeisterten Publikum weitertreibend. Im Glitzerkonfetti-Regen entsteht eine nostalgisch-realistische Jahrmarktatmosphäre, in der Horrorclowns und adaptierte Zwitterwesen aus der Mythologie, sehr körperbetont, lustvollen Schabernack mit der Vorstellungskraft der Zuschauer treiben.