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Das Waldhaus

  • Waldhaus

„Die Erde weiß viel, sagt Margrit Gysin. Ihre Geschichten wohnen im Lehrm. Und tatsächlich: Sie nimmt sich den grauen Klumpen vor, den sie aus dem Tuch gewickelt hat, und flink klaubt und knetet sie einen Holzfäller, eine Holfällerfrau und drei Holzfällermädchen aus dem Lehm. Nimmt sich einige Ästchen und macht aus den fünf Menschlein fünf Bäume, drückt und dreht dann aus dem Klummpen einen Greis und eine Kuh, Hahn und Huhn, Herd und Haus, Teller und Bett, Sterne und Mond. Unter ihren Händen wird die Erzählung lebendig – das Märchen vom Mädchen, das sich im Wald verirrt, in der Nacht auf eine einsame Hütte voll seltsamer Bewohner stößt, sie mit ihrem großen Herzen von einem Fluch erlöst und schließlich als Prinzessin in goldenen Schuhen im Schloss einzieht. So erweckt Margrit Gysin ihren Lehm wie einen freundlichen Golem, spricht mit der Stimme der Taube, macht die Wände im Waldhaus ächzen und stöhnen, bläst Kerzenrauch wie Nebel durch den finstern Wald und lässt ihre kleine Heldin Tränen weinen: kleine Tränen aus Lehm. So einfach wie einnehmend. Eine gute Dreiviertelstunde währt der Zauber. Dann gehen alle, vom Holzfäller bis zum Mond, wieder im irdenen Klumpen auf. Im Geschichtenlehm.“ (Der Bund)