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Es waren Schaf und Esel, und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrangen

Das deutsch-italienische Theaterensemble Biting Breads feierte am Wochenende mit seinem neuen Stück „Romeo und Julia in sizilianischer Soße“ im Lindenfels Westflügel Premiere.

erschienen am 16.01.2015 von Franziska Mergel bei nachtausgabe.de

Mit Shakespeare beendete der Westflügel das alte Theaterjahr 2014 und mit Shakespeare startet er ins Neue. Nach einer sehr freien Bearbeitung des Sommernachtstraums geht es nun mit Romeo und Julia weiter.

Ein bisschen fühlt man sich beim Betreten des Theatersaales wie ein Eindringling. Die Zuschauer versuchen, möglichst schnell einen Platz zu ergattern, denn auf der Bühne scheint das Stück schon begonnen zu haben: Links steht ein Mann, rechts eine Frau, beide im Profil einander zugewandt. Zwischen ihnen ein Bett, verhüllt von einem Laken. Die beiden haben ihre Hände zum Gebet gefaltet und man findet sich unvermittelt in einer Totenmesse wieder. Bald aber nehmen die lateinischen Worte ein Ende und das eigentliche Spektakel kann beginnen. Das Bett wird hochkant aufgerichtet und mit einigen Handgriffen zu einer einwandfreien Handpuppenbühne umfunktioniert. Die Menschen verschwinden und die Bühne gehört nun den Puppen.

Los geht’s, nicht aber mit dem Chor, nicht mit Simson und auch nicht mit Romeo oder Julia. Ein Schaf betritt meckernd die Bühne und trinkt in einem scheinbar unstillbaren Durst aus einem Brunnentrog. Ein Esel kommt dazu. Durstig ist er auch, aber das Schaf versperrt ihm erfolgreich den Zugang zum Wasser. Ein Gerenne und Gerangel beginnt. Der Esel bebt vor Wut, presst sein „Ah-I“ schnaubend hervor. Die Szene wird lange, nicht aber zu lange ausgekostet, wird immer drolliger bis schließlich das Schaf dem Esel, der kurz davor ist, in die Luft zu gehen, einen Kuss auf die Nüstern drückt.

Langsam tut sich die Frage auf, ob hier die Geschichte des berühmten Shakespeare'schen Liebespaares in Gestalt zweier niedlicher Tierhandpuppen erzählt wird. Nein, leider nicht... Auf Romeo und Julia wartet man dennoch vergeblich. Denn wenn Verona hier nach Palermo verlagert werden kann, können Romeo und Julia ebenso gut Luigi und Rusiddra heißen.

Wozu nun also Esel und Schaf? Der Esel gehört Herrn Montague und das Schaf Herrn Capulet und wenn die beiden sich an der Wassertränke nicht einig werden, kann das auch mal eine ganze Familienfehde heraufbeschwören. Luigi und Rusiddra verlieben sich und haben nur noch eins im Kopf: Sex – wenn nötig auch im Beichtstuhl. Ansonsten gibt es viel Gemetzel und viele Beschimpfungen. Der Humor an solchen Stellen bleibt mitunter flach, die Szenen wirken langgezogen. Das Schaf, das einen weiteren Auftritt hat, um die Zusammenkunft der Liebenden zu erschweren, entscheidet die Lacher klar für sich.

Gespielt wird vor allem auf zwei Ebenen. Oben mit Handpuppen im größeren Maßstab, unten mit Stabpuppen im kleineren, beide Varianten überzeugend gespielt und mit Stampfen, Schmatzen oder sonstigen Lauten passend synchronisiert.

„And now: A fucking love song!“

Ebenfalls gelungen sind die musikalischen Einlagen. Mit Gitarre, Flöte oder einem Tamburin, das wie die Sonne am Himmel leuchtet, geben Merkel und Sciarratta der Inszenierung eine angenehme Abwechslung. Einmal tut sich ein kleines Türchen unten im Bühnengestell auf, durch das Sciarratta, auf einem Stühlchen kauernd, blickt. „And now: A fucking love song!“, kündigt er emotionslos an und schmachtet schmalzige Töne auf der Mandoline. Das verfehlt seine Wirkung nicht!

Nach etwa 70 Minuten nimmt alles doch ein ganz anderes Ende als erwartet. Nicht der Teufel, der sein Unwesen treibt und den Familienstreit ständig befeuert, thront am Ende über den toten Liebenden, sondern Rusiddra schlachtet in einem hemmungslosen Blutrausch ab, was ihr unter die Finger kommt.

Seit 2010 gibt es das Theaterensemble, das Ende 2013 auch schon einmal mit dem Kinderstück „Das Zauberpferd“ im Westflügel zu sehen war. Einem Teil des Publikums dürften die Biting Breads an diesem Abend also nicht unbekannt sein. „Romeo und Julia in sizilianischer Soße“ hat seine Höhen und Tiefen, der Tiefgang bleibt in beiden Fällen aus. Mit überwiegend humorvollen Momenten kommt man bei der Suche nach einem unterhaltsamen Abendprogramm aber durchaus auf seine Kosten.

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