Die Figurenspielerin Iris Keller erzählt im Fitz von Schwangerschaft, Meeressäugern, Metamorphosen
erschienen am 13.04.2026 von Thomas Morawitzky bei STZ

Wasser gluckst aus Flaschen ins Aquarium. Im Hintergrund der Bühne wartet ein flaches Häufchen, das sich bald schon erweisen wird als eine aufblasbare Flosse, die dann aufragt, über die Meereswellen als Projektion hinweg gleiten. Vorn steht eine Frau, Iris Keller, und erzählt. Sie spricht von Schwangerschaft, davon, wie es ist, gewissermaßen zum Wal zu werden, sie assoziiert auf vielfältige Weise zum Thema, zum Begriff, zum sinnlichen Erlebnis von Wasser, dem Element, aus dem der Mensch zum größten Teil besteht. „Wir sind ein Zeitpunkt“, sagt sie. „Wir waren Wasser, und wir werden wieder Wasser sein.“ Und: „Ich träumte vom Meer, während in meinem Innern ein Meerestier zum Menschen wurde.“
Iris Keller, geboren 1988 in Ulm, studierte ein Jahr lang an der französischen Schule des Puppenspiels ENSAM, schloss ihr Studium 2015 an der HDMK Stuttgart ab. Sie lebt heute in Arlesheim bei Basel. Im Herbst 2025 erschien ihr Debütroman „Walwerdung“: der Bericht einer Schwangerschaft mit Komplikationen, Bericht über die Selbstwahrnehmung der Schwangeren, ihre Veränderung, beständiges Verbinden des eigenen Zustandes mit Bildern von Wasser, von Walen, von Meer. Für drei Aufführungen am Fitz kehrte Iris Keller nach Stuttgart zurück, brachte ihr Buch als Performance auf die Bühne. Begleitet wurde sie von der Schweizer Musikerin Rosanna Zünd mit freien Klängen, Songs, komponiert von Xenia Wiener. Regie führte Ruth Huber. Seine Premiere erlebte das Stück im März im Theater Gare du Nord, Basel.
„Walwerdung“ fesselt auf der Bühne ungemein mit seinem Zusammenspiel einer sehr intensiven, mitunter schmerzhaften Erzählung, und mit den Bildern der Entgrenzung, die hinter ihr aufleuchten. Die zusehends vom Wasser, vom Walfisch faszinierte Protagonistin erzählt sehr früh von diesen Tieren, die über Jahrhunderte bejagt wurden, ehe der Mensch begann, sie zu erforschen und als intelligente Säugetiere wahrzunehmen. Viel später hält Iris Keller eine Milchpumpe ans Mikrofon – ihr Sirren und Stocken klingt wie eine Antwort auf die Gesänge der Wale.
Rosanna Zünd spielt mit den Klängen der Maschine, der Tiere, des Wassers. Iris Kellers Stimme wirkt klar, distanziert, könnte, inmitten dieser maritimen Klangwelt, auch einer Naturdokumentation entstammen. Momente von Sarkasmus, Aufbegehren, Schmerz treten umso deutlicher hervor – denn letztlich führt die Betrachtung der Schwangerschaft auch hin zum Gefühl des Ausgeliefert-Seins an einen medizinischen Apparat, an Ärzte: „Sie halten mich zu dritt fest. Die Harpune durchdringt meinen Körper.“ Später dann: „Ich lebe, weil ich hier bin. Richtiger Ort, richtige Zeit, richtiges Land, richtiges Einkommen.“ Und schließlich: Das Kind ist da. „Das Baby trinkt. Das Wasser ist zu Milch geworden. Es schaut mich an, mit seinen großen, blauen Augen, öffnet den Mund, um wieder zu schreien, aber es gähnt – und schläft ein.“
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