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Kunst als Weckruf: Alle sitzen auf der gleichen Eisscholle

Kann man Klimawandel am Beispiel der Kaiserpinguine tanzen? Yahe Nestor Gahe wagt es mit „Tous sur la banquise“ im Fitz Theater in Stuttgart.

erschienen am 19.07.026 von Petra Mostbacher-Dix bei StZ Online

Keine Expedition ohne Einweisung! Der Reiseleiter im Silberpailletten-Shirt verkündet seinen Fünf-Punkte-Plan: Finger auf die geschlossenen Augen; mit der Faust auf die Brust klopfen; Zeigefinger in die Ohren; nasal „Hänjääh“ trompeten; mit pfeifendem „Huh“ den Wind intonieren.

Das alles nicht gleichzeitig, aber jeweils auf Anweisung, versteht sich. Ausgerüstet in Sachen Verhalten geht es nach diesem Prolog in die Antarktis, genauer in den Saal. Im Fitz Theater animierter Formen in Stuttgart (Eberhardstraße 61) wird die Tanzperformance „Tous sur la banquise“ alias „Alle auf der Eisscholle“ uraufgeführt.

Inspiriert durch Naturfilmer Stefan Christmann

Choreografiert hat das Stück Yahe Nestor Gahe nach der Idee von Matthias Dengler und Texten von Magda Agudelo, inspiriert von Naturfotograf und Filmer Stefan Christmann. Der wirkte etwa bei David Attenboroughs BBC-Dokumentation mit und verfasste das Buch „Die Gemeinschaft der Pinguine“. Gahe und sein Team zeigen, wie der Klimawandel Existenzen bedroht. Die Kaiserpinguine brauchen Eis. Unterschiedliches Eis. Schelfeis bremst als Schutzschild die Fließgeschwindigkeit der Gletscher dahinter. Doch das ewige Eis scheint nicht mehr ewig. Durch die Erderwärmung schmilzt es früher, verschwinden Brutplätze, sterben Küken, wird der Weg zur Nahrung länger, gefährlicher, der Boden brüchig. Eine unangenehme Wahrheit, die das Team zunächst poetisch angeht.

Der Reiseleiter, Musiker Hugo Ranneau, nun mit Cello in der ersten Reihe, klopft sich auf die Brust, formt mit dem Publikum einen Rhythmus, der drei schwarz Befrackte in die schlicht gute Szenerie aus aufgehängter Plastikplane lockt. Während Ranneau parallel eine melancholische Melodie zupft, trippeln sie hintereinander her, die Arme flügelartig gestreckt, schlittern auf dem Bauch, verharren, gucken in die Luft, strecken den Oberkörper – jede Bewegung angespannte Bedächtigkeit in Zeitlupe; am Südpol gilt es, mit den Kräften hauszuhalten. Wunderbar, wie Yahe Nestor Gahe, Lily Dengler und Martina Gunkel zu Kaiserpinguinen werden und extreme Langsamkeit wagen. Um dann wieder zu schnüffeln, zu stupsen, sich Kopf an Kopf zu schmiegen, drehen, übereinander rollen. Im Wintersturm kreiseln sie ineinander, rücken zusammen, jeder darf mal windgeschützt in der Mitte stehen. Grandios, wie das Hugo Ranneau aufnimmt, fein zupfend, den Bogen kratzt und streicht, hier atonal, da dramatisch.

Wer sich darauf einlässt, taucht ein in diese schöne, harte Lebenswelt weit unter dem Gefrierpunkt. Erlebt Stille mit Fingern in den Ohren. Wird Gemeinschaft durch „Hänjääh“-Rufe. Spürt mit „Huh“ den Wind des antarktische Winters, in dem alljährlich Wunder geschehen: Kaiserpinguinweibchen legen ihr einziges Ei, vertrauen es dem Partner an, um im Ozean Nahrung zu finden.

Auf der Bühne werden Eis-Eier behutsam zwischen den Füßen balanciert – doch dann zerstört. Als Weckruf für die Menschen, die spalten und polarisieren, statt in der Umwelt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik ein Ziel zu verfolgen, das allen dient. „Von den Pinguinen können wir viel lernen“, sagt Filmer Stefan Christmann. „Wahre Stärke und Schönheit entsteht dort, wo Mitgefühl, Vertrauen und Gemeinschaft wichtiger sind als die Interessen der Einzelnen.“ Vier Vorstellungen hat es von „Tous sur la banquise“ im Fitz gegeben. Weitere wären wichtig.