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Morbide Illusionsmaschine

Die Bühne von Jan Jedenaks neuer Inszenierung steckt voller Überraschungen

erschienen am 25.04.2017 von Max Florian Kühlem bei Fidena Portal

Jan Jedenak von Dekoltas Handwerk ist ein leidenschaftlicher Bastler. Die Bühne seiner neuen Inszenierung „Trickster – Fang mich, wenn du kannst“, die am Fitz! Stuttgart Premiere feierte, steckt voller Überraschungen. Sie ist ein düsterer, morbider Parcour der Illusionsmaschinen und man kommt nicht umhin, an alte Jahrmarktschauen zu denken.

Hauptmotiv dieser Show, die keiner Erzählhandlung (schon gar keiner chronologischen) folgt, ist die Trickster-Figur. Tricksterfiguren gab und gibt es in Mythologie und Literatur zuhauf. Es sind halbseidene Gestalten, Tiere, Halbgötter oder Geister, die durch Tricks, Schwindel oder Gaunereien die (göttliche) Ordnung ins Wanken bringen. Auch der Kasper gehört in seiner früheren, anarchischen Gestalt wahrscheinlich dazu.

Dementsprechend beginnt Jan Jedenak seinen ungewöhnlichen Abend mit einer kasper- oder koboldartigen Handpuppe mit wirren Haaren auf dem Arm, die sich an das Publikum wendet. Die Zuschauer sollen doch bitte den schwarzen Umschlag unter ihren Sitzen öffnen und lesen. Darin ist eine Art Anleitung für die kommenden 60 Minuten: Man solle sich nicht scheuen, den Figuren auf der Bühne zu helfen – auch wenn es darum gehe, dass sie ihren Kopf verlieren. Nur berühren dürfe man sie nicht. Außerdem bekommen jede Besucherin und jeder Besucher einen Spezialauftrag, einer soll zum Beispiel „Kuckuck“ rufen, wenn ein Rabe auftaucht.

Das Publikum ist also gefordert in einem undurchsichtigen Spiel, in dem es sogar hauptsächlich darum zu gehen scheint, dass die der Trickster-Figuren den Kopf verlieren – um in einer neuen Häutung aufzutreten. Es ist also eine neue Variation des Spiels vom Werden und Vergehen, des Spiels des Lebens also, die der Spieler und Ausstatter Jan Jedenak hier unter der Regie seines ehemaligen Stuttgarter Figurenspiel-Professors Florian Feisel aufführt.

Seine Trickster verlieren ihren Kopf, indem ihre Masken fallen, indem Scheinwerfer vom Bühnehimmel stürzen, durch Guillotinen oder indem sie in Löcher im Bühnenboden plumpsen. Die Zuschauer müssen Bälle werfen, Seile ziehen und sogar Gewehrschüsse abgeben, um der Figur zu immer neuen Transformationen zu verhelfen. Manchmal braucht man viel Phantasie, um zu verstehen, welche Bilder die Illusionen erzeugen sollen. Manchmal ist Jan Jedenak die harte Arbeit anzusehen, um seine Bühnenmaschinerie am Laufen zu halten. Und auch, wenn das Spiel so nicht immer fließt oder stellenweise bemüht wirkt, ist hier doch ein großes Talent zu bewundern, dass nur vielleicht noch hier und da der helfenden Hände erfahrener Regisseur*innen bedarf.

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