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Dystopische Wucht

Jan Jedenak zeigt im Westflügel, wie sehr Live-Theater das letzte halbe Jahr gefehlt hat

erschienen am 25.05.2021 von Dimo Rieß bei Leipziger Volkszeitung

Dass die Inzidenz-Werte eine Theateröffnung erlauben, wenn Jan Jedenak auf dem Spielplan des Leipziger Westflügels steht, ist Zufall, was man kaum glauben möchte. Die körperliche Wucht seines Auftritts nach einem halben Jahr körperloser Leere in den Sälen wirkt wie von Dramaturgen-Hand gesetzt. Am Freitagabend war Live-Premiere für „Mandragora“, das bisher nur online zu sehen war.

Ein amorpher Berg auf der Bühne rüttelt sich. Ein menschlicher Rücken schält sich heraus. Der Berg gebiert. Und wenn sich Jedenak im Lendenschurz wie gegen Widerstände zuckend erhebt, dann kann man das evolutorisch lesen, das erste Leben in der Ursuppe. Oder als das Gedeihen einer Pflanze, das Aufgehen der Saat, in der Verlängerung der Finger dieses nackten Körpers sprießen Wurzeln.

Es hilft der Blick auf den Titel des Stücks, „Mandragora“, Bezeichnung der Alraune, ein Heilkraut, das mit seiner halluzinogenen Wirkung in der Antike als Ritualpflanze eingesetzt wurde. Hildegard von Bingen sah in der Alraune den Teufel hausen. Und wie in einem schamanistischen Ritual zwischen Archaik und Exorzismus zuckt Jedenak über die Bühne.

Er setzt ganz auf den eigenen Körper als Material dieses Spiels. Er hatte Akrobatik-Coaching. Al Seed, ein Meister des physischen Theaters, führt Regie. Mit Heinrich Hesse ist eine Bühne entstanden, auf der Jedenak aus dem Spiel heraus drei lange Eisenstangen zu einem kühnen Reck steckt und erklettert. Jonas Klinkenberg ist Dramaturg dieses hoch konzentrierten Kraftakts, dem es gelingt, die erstaunliche Körperbeherrschung nie auszustellen, sondern stets artifiziell zu halten, bildhaft und damit das Publikum im Orbit der Assoziationen zu fesseln.

Jedenak setzt sich, das ist die zugrundeliegende Idee dieses wuchtigen Bildergewitters, mit Gewalterfahrungen auseinander, mit Diskriminierung, mit Othering von Homosexuellen. Während sich die Reise des Körpers universell lesen lässt, als Entstehen und Vergehen, hetzen harte Industrial Beats diese Kreatur über die Bühne. Ein Sound, aus dem man die straffe Taktung der Moderne heraushört. Die Gegenwartsgesellschaft zieht sich als doppelter Boden durch die Inszenierung. Jedenak flicht Gender-Stereotype ein, etwa die kommerzialisierte Weiblichkeit des Poledancing-Verführungsgeschäfts und dessen Schattenwurf menschlicher Unterdrückung und Ausbeutung. Jedes Bild und jede Bewegung scheint eine unfreie Kreatur zu spiegeln. So schlägt der Abend zu mit dystopischer Wucht. Wenn Jedenak an der Stange die Oberschenkel abspreizt wie ein Frosch, dann wirft der Lichtkegel des Scheinwerfers das Schattengemälde eines Kreuzes an die Rückwand. Eine religiöse Aufladung mag man erkennen und den Mühlstein christlicher Sündenlehre. Und doch schwingt in diesem unbedingten Willen, sich zu befreien, den jede Faser der Bühnenkreatur verströmt, ein Hauch Hoffnung mit.

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