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Wunderbarer Selbsterfahrungstrip

In der Performance „Horror Vacui“, die im Fitz in Stuttgart gezeigt wird, ist man der Angst vor der Leere auf der Spur.

erschienen am 17.02.2021 von Thomas Morawitzky bei StZN

Da hängt man nun also in der Warteschleife, und eine freundliche Stimme sagt: „Wenn Sie sich mit Ihrem Körper verbinden möchten, drücken Sie bitte die Eins. Wenn Sie sich mit Ihren Gefühlen verbinden möchten, drücken Sie bitte die Zwei.“ So kann es gehen, wenn man alleine mit sich ist. Körperleben und Gefühle, dies wird schnell klar, laufen nebeneinander her, in „Horror Vacui“, dem Stück, das Gerda Knoche und Helga Lázár im Fitz spielen, unter der Regie von Anne Brüssau. Untertitel: „A Holistic Masturbation“.

Lázár agiert den Körper in der Isolation aus, treibt Yoga, übertreibt auf dem Heimtrainer, schaut zu, wie vibrierende Lustobjekte auf dem Boden tanzen. Knoche dagegen ist ganz Gesicht, Ausdruck, Stimme. Komisch sind sie beide auf wunderbare Weise, denn bei „Horror Vacui“ ist das Scheitern des zeitgenössisch unfreiwilligen Selbsterfahrungstrips immerzu mitangedacht. Und siehe da: Das Scheitern gelingt.

Keuchen und Quietschen

„Horror Vacui“ entpuppt sich als tragikomische Nummernrevue, aufgelöst im gemeinsamen Tanz, verbunden durch elektronische Klänge, die der Musiker David Schuckart, neben der Bühne, dem Publikum mittels Kopfhörer in die Ohren streut: hypnotisch kühl und manchmal schmerzhaft schrill. Jessica Lipp hat ein Bühnenbild aus verschiebbaren Wänden geschaffen, mit einem Schimmel als Maskottchen, Vorhängen, aus denen ein sportliches Bein hervorschaut. Auch Zerrspiegel gehören dazu. Geist und Körper interagieren, wenn Helga Lázár Sport treibt und Gerda Knoche die Tonspur dazu live synchronisiert: ein immer wilderes Keuchen und Quietschen.

Knoche selbst führt stockend eine Präsentation ihrer unterschiedlichen Gemütszustände vor, Bilder, die Unsicherheit und Egozentrik darstellen, in skurriler Alltäglichkeit. Laut denkt sie nach: „Ich bin gerade sehr traurig, aber das ist eher so eine Art universeller Trauer, die wir alle von Geburt an spüren und die uns auch ein Stück weit miteinander verbindet.“

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