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Demetrius spricht nur Russisch

Vanessa Valk zeigt im Fitz "Marinas Fluch" sehr frei nach Schillers letztem Historiendrama
erschienen am 12.03.2005 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

„Gebt mir Märchen und Rittergeschichten“, sagte Schiller im Fieber, so wie andere sagen „gebt mir Wasser“ oder „gebt mir ein letztes Glas Bier“. Auch wenn Schiller kurz vor dem Tode stand, wollte er „Stoffe zu allem Schönen und Großen“. Fiebernd lag er im Bett, sprach immer wieder von dem falschen Zaren Demetrius und zitierte aus dem ersten Akt seines gleichnamigen Dramas. Und das erfreute ihn so, dass er kurz vor dem Tod noch behauptete, es gehe ihm „immer besser, immer heiterer“ – und starb. Sein „Demetrius“ blieb ein Fragment, das das Figurentheater Fitz nun wiederum in einer noch knapperen, kondensierteren Version präsentiert. Die Figurenspielerin Vanessa Valk hat sich den Text vorgenommen und mit dem Regisseur Andrej Kritenko „rücksichtslos bearbeitet“, wie sie behaupten. Das Ergebnis, „Marinas Fluch“, hatte nun Premiere.

Demetrius hält sich zu Unrecht für den Sohn des Zaren, er beansprucht den Thron, als ihm aber die Legitimation entzogen wird, entwickelt er sich zum Tyrannen. So weit die groben Eckdaten des Historiendramas, die im Fitz eher angedeutet denn erklärt werden, denn „Marinas Fluch“ ist ein musikalisches Bildertheater. Da sieht man die ehemalige Zarin mit ihrem Sohn – eine kahlköpfige Puppe, die Valk behutsam und liebevoll führt. Schausplatzwechsel: Polen, Reichsversammlung im Senat, eine Frau, die später die Gattin von Demetrius werden wird – Marina.

Stichwortartig erzählt Valk die Geschichte, aber sie interessiert sich weniger für die Handlung als eher für die ästhetische Umsetzung. Marina, eine zweite Marilyn Monroe, sitzt im Sand, auf den das Foto eines Mannes projiziert – eine schöne Idee. Sie balgt mit dem Schatten, bis der Mann plötzlich leibhaftig auf der Bühne steht: Boris Iwuschin, ein Schauspieler aus St. Petersburg, der nun den Demetrius spielt.

Iwuschin spricht stets auf Russisch – und Valk spricht die Übersetzung nach. Das ist irritierend und auf die Dauer mühsam. Auch wenn dem Team einige schöne Momente gelingen, wird die Handlung zu skizzenhaft und distanziert vorgetragen, sodass sich das Interesse nicht recht einstellen mag. Die musikalische Begleitung von Stefan Charisius ist interessant und untermalt atmosphärisch, was die Szenen doch nicht einlösen können. Die großen Konflikte des Historiendramas, die großen Emotionen der Figuren können sich in dieser dramaturgisch schwachen Nummernfolge nicht entfalten. Und wenn Marina zu Demetrius sagt „Ich liebe dich so, wie du bist“, klingt das genauso banal, wie wenn die beiden Katz und Maus spielend über die Bühne rennen. Am Ende versteht man, warum die Bearbeitung mit „rücksichtslos“ bezeichnet wird. Weil sie weder Schiller noch Demetrius gerecht wird.