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Sehnsucht nach Verwandlung

erschienen am 02.01.2017 in StZ/StN
von Brigitte Jähnigen

Annäherung an die Essenz des Figurentheaters: der Stuttgarter Puppenspieler Jan Jedenak im Porträt

Stuttgart ist eine Hochburg des Figurentheaters. Denn außer an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin kann man bundesweit nur noch an der hiesigen Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst den Beruf des Puppenspielers im akademischen Studium erlernen. Welche Vielfalt von Formen und Figuren es in dieser Welt gibt, erzählen in unserer Serie „Künstler aus drei Generationen“ von Figurenspielern. Heute: Jan Jedenak (31).

Eigentlich wollte Jan Jedenak Schauspielregisseur werden. Doch das hat nicht geklappt. „Dieses Scheitern hat sich im Nachhinein als Glück herausgestellt“, sagt er. Stattdessen studierte der im Niedersächsischen Goslar geborene junge Mann in Wien Theater-, Film- und Medienwissenschaft. In einem Seminar zu Figuren- und Objekttheater hat es gefunkt. „Ich wollte nonverbales Theater machen, das Handwerkszeug dazu fundiert lernen und kam zum Studium des Figurentheaters an die Hochschule nach Stuttgart“, sagt Jedenak.

In seiner Bachelorarbeit entwickelte er die Figur des Tricksters: „Die Sehnsucht nach Verwandlung, nach immerwährender Verpuppung, nach der Lust an der Manipulation ist ein fast mythologisches Phänomen“, sagt der Figurenspieler. „Trickster sind Meister der Verkleidung und der Tarnung, fallen aber auch auf ihre eigenen Tricks herein“, sagt Jedenak. Im Charakter des Tricksters stritten Einfalt und Cleverness, Arglist und Dummheit. Ein Trickster sei ein Narr, Betrüger und Betrogener. Die Figur hat ihn nie mehr losgelassen. „Ich habe den Eindruck, dass der Kern dieser Figur unheimlich nah an die Essenz des Figurentheaters, ja den Beruf des Figurenspielers rührt“, mutmaßt der Künstler.

Im März 2017 wird Jan Jedenak, der nach dem Studium „Dekoltas Handwerk – Theater figuraler Formen“ gegründet hatte, dem Stuttgarter Publikum im Zentrum für Figurentheater (Fitz) Stuttgart die Produktion „Trickster – Fang mich, wenn du kannst“ zeigen. Spiel, Ausstattung und Konzeption liegen in den Händen von Jan Jedenak, Regie führt Florian Feisel.

Seit über 30 Jahren ist das Fitz eines der europäischen Zentren für Figurentheater. Zwei Drittel der Künstler, die hier ihre Arbeiten präsentieren, sind Absolventen der Stuttgarter Hochschule. Jan Jedenak will dem Publikum nicht nur die Rolle des Konsumenten zuweisen, es soll Mitgestalter sein: „Für meine Produktionen nehme ich mir Zeit und zeige verschiedene Entwicklungsstände des Tricksters in Form von ‚Try-outs‘, also öffentlichen Proben, schon im Februar.“

Experiment, Figur, bloßes Material, Musik, Licht, Thema – was inspiriert Jan Jedenak am stärksten? „Es gibt keine Priorität für mich, Ausgangspunkt kann ein Material, die Figur, eine Maske sein, ein Thema, das ich erst einmal gedanklich in einen Raum stelle“, sagt er. Manchmal aber ist es auch der poetische Gedanke eines anderen. Wie derjenige des Autors Boris Vian (1920 –1959), dass eine Seerose, die im Leib eines schönen Mädchens wuchert, eine tödliche Diagnose sei. Jedenak hat diesen Gedanken aus Vians Roman „Der Schaum der Tage“ gemeinsam mit der „Gruppe K plus, Stuttgart/Leipzig“ in der Regie von Hendrik Mannes aufgegriffen und eine Adaption für das Figurentheater entwickelt.

Und dann ist da noch die suggestive Kraft bewegter Bilder, die Jan Jedenak fasziniert. In seiner Produktion „Séance – Sequenzen zur Deutung des Unsichtbaren“ gibt er diese Faszination an das Publikum weiter. Es ist ein Spiel mit der Flüchtigkeit des Lichts und der Unsicherheit menschlicher Wahrnehmung. Für diese Inszenierung wurde der Wahl-Stuttgarter 2015 mit dem renommierten Fritz-Wortelmann-Preis ausgezeichnet.

Wie finanziert Jan Jedenak seine Arbeit? „Mit der Entscheidung, Stuttgart zum Wahlort meiner freien Theaterarbeit zu machen, habe ich das Glück, Anträge für Projektförderung bei der Stadt, dem Land und dem Bund zu stellen“, sagt er. Das allerdings sei nicht nur Glück, sondern auch ein Spiel mit dem Glück. „Inspirierende Konzepte zu schreiben ist wirklich schwierig und zugleich ein essenzielles Handwerkszeug als freiberuflicher Künstler“, sagt er. „Doch welche Konzepte potenzielle Geldgeber förderwürdig finden, ist vor jeder Antragstellung ungewiss.“

Porträt Frank Soehne

Porträt Antje Töpfer