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In forma veritas

Über das Figurentheaterfestival „Materia Prima“ in Krakow
erschienen am 01.01.2011 in „double“. Magazin für Puppen-, Figuren- und Objekttheater, Nr. 21 / Heft 1/2011
von Silke Haueiß

Zum ersten Mal fand vom 13. bis 20. November 2010 das Festival „Materia Prima. Międzynarodowy Festiwal Teatru Formy“ in Krakow / Polen statt, ausgerichtet von Teatr Groteska und Stowarzyszene Sezony Teatralne. Die Veranstalter Adolf Weltschek (Festivalleitung) und Zuzanna Głowacka (Programmleitung) haben für ihr erstes Festival die Messlatte gleich ganz weit oben angelegt und namhafte Künstler des Puppen-, Figuren- und Objekttheaters aus Belgien, Frankreich, Deutschland, Polen und der Schweiz mit teilweise großformatigen und sehr aufwändigen Ensembleinszenierungen nach Krakow eingeladen.

(…) Nahezu intim wirkte der Theaterraum des Theaters Lalki, in dem die Inszenierung „Krabat“, eine deutsch-polnische Koproduktion des Figurentheaters Wilde & Vogel (Leipzig, Stuttgart) und der Grupa Coincidentia (Białystok, Polen) in Zusammenarbeit mit dem FITZ! Zentrum für Figurentheater Stuttgart und dem Lindenfels Westflügel Leipzig, gezeigt wurde. Die vortreffliche Regie von Christiane Zanger reduzierte den märchenhaft-mystischen Stoff des Buches von Otfried Preußler gekonnt auf das Wesentliche. Eine nahezu magische Bühnen-Atmosphäre entstand durch die kongeniale Musikkomposition und deren Live-Interpretation von Charlotte Wilde, durch die raffinierte Szenografie, die prägnante Figurengestaltung von Michael Vogel und vor allem durch das grandiose Ensemble aus Dagmara Sowa, Pawel Chomczyk, Florian Feisel und Michael Vogel, dem in exzellentem Wechselspiel aus eigenem und künstlichem Körper, aus Licht und Raum ein universelles, eindringliches Vexierspiel über die verführerische, gleichzeitig willkürlich nutzbare Kraft der Macht gelungen ist.

Ein Lichtkegel markierte den Ort des Geschehens. Weiße Umrisse auf schwarzem Boden deuteten jenen imaginären Tatort an, an dem der Waisenjunge Krabat im Verlauf der Geschichte den Verlockungen der Macht widerstehen lernt und es schafft, sich aus Fäden der Abhängigkeit zu lösen, indem er erkennt, dass Liebe Freiheit schafft. Bravourös, wie die Spieler in die verschiedenen Rollen schlüpften, die Marionetten als exemplarische Metapher für Abhängigkeit manipulierten und im dramatischen Verlauf der Geschichte selbst zur Marionette wurden. Genial, wie in der Inszenierung durch das fein differenzierte Maskenspiel die Schicksalsgleichheit der Gesellen und deren Suche nach Identität versinnbildlicht wurden, und verblüffend zudem, wie eine schwarze Maske und lautes Rabengekrächze ausreichten, um den Machtanspruch, den der Meister über seine Zauberlehrlinge hatte, zu behaupten.

Unaufhaltsam, immerfort drehte sich der Mühlstein wie das Rad der Geschichte. Und diese Geschichte hinterließ im wahrsten Sinne Spuren, sichtbar gemacht durch weiße Kreide – Mehl?. Diese Spuren verwischten sich während des szenischen Geschehens, vermischten sich schlussendlich mit den Blutopferspuren der Rebellion. Krabat, der das böse Spiel der dunklen Mächte durchschaute, ließ sich nicht kaufen und entschied sich in letzter Konsequenz für die Probe, die über Leben und Tod entscheiden sollte. Es stand auf des Messers Schneide – und das war nicht nur im sprichwörtlichen Sinne, sondern wahrhaftig als szenisches Gleichnis auf der Bühne zu spüren. Berührend und poetisch zugleich Krabats verzweifeltes Anheulen des Mondes im Angesicht der Angst – schließlich ging es hier ums Überleben!

Preußler schrieb „Mein Krabat ist […] meine Geschichte, die Geschichte meiner Generation und die aller jungen Leute, die mit der Macht und ihren Verlockungen in Berührung kommen und sich darin verstricken.“ Diese Inszenierung für Jugendliche und Erwachsene setzt Maßstäbe, denn sie ist ein szenisch-sinnliches Erlebnis von großer Authentizität – in Form gegossene Wahrheit.