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Frankenstein oder Der moderne Prometheus

Das Figurentheater Wilde & Vogel begibt sich auf eine bild- und sprachgewaltige Suche nach der menschlichen Seele
erschienen am 01.09.2017 in Puppen, Menschen und Objekte
von Ralf Kiekhöfer

Wie unterschiedlich Theater doch sein kann! Zum dritten Male erlebe ich eine Figurentheaterinszenierung zum Thema „Frankenstein“.

1999 nahm sich Neville Tranter mit Re: Frankenstein der Geschichte an, produzierte sie in Weimar, wo er sich tief beeindruckt von einem Besuch im nahen Konzentrationslager Buchenwald auf eine Assoziationsreise begab und Viktor Frankensteins Wunsch, den perfekten Menschen zu schaffen, mit den entsetzlichen Ideen der Nationalsozialisten konfrontierte. In ihren Lagern haben sie, um den perfekten (deutschen) Menschen zu erschaffen, an den „minderwertigen Kreaturen“ wie Juden, Sinti, Homosexuellen, Behinderten, Kommunisten … grauenhafte Experimente veranstaltet. Das Stück ging mir damals tief unter die Haut.

Zu Jahresanfang sah ich dann das Theater Salz+Pfeffer auf unserer VDP-Bundestagung in Lübeck. Eine für mich sehr düstere und kalte Inszenierung, die warme Momente hat, wenn dem Monster ein Herz und Liebesfähigkeit zugestanden werden. Begleitet oder auch dekonstruiert von einer durchgehenden Cellokomposition, führt diese beeindruckende Inszenierung in die vorgesehene Katastrophe.

In der Romanvorlage von Mary Shelley wird Materie zu Leben erweckt, ein Prozess, der für uns Puppenspieler Alltag ist. Darin liegt begründet, warum dieser Stoff für unser Genre ein Klassiker ist. Michael Vogels erste Reaktion, als der Regisseur Hendrik Mannes mit der Idee zu diesem Stück auf ihn zukam, war deshalb auch ein kurzes, prägnantes: „Nee!“

Doch das Ensemble aus vier Spielerinnen (Winnie Luzie Burz, Jan Jedenak, Stefan Wenzel und Michael Vogel) und zwei Musikerinnen (Charlotte Wilde und Johannes Frisch) ist dann doch tief in die Geschichte eingetaucht und hat sich auf eine bild- und sprachgewaltige Suche nach der menschlichen Seele begeben.

Ich sehe die Inszenierung von Wilde & Vogel kurz nach der Premiere im Mai in ihrer Heimatspielstätte, dem Westflügel in Leipzig. Schon das Eintreten in diesen Raum ist ein Ereignis, der Bühnenraum ist mehr als doppelt so groß wie der Platz für die Zuschauer. Der gesamte Theaterraum ist eine nackte, nahezu unrenovierte Fabrikhalle, glänzende Alutraversen und Seilzüge schweben wie Fremdkörper unter der hohen Decke. Auf dem Bühnenboden sind Requisiten gruppiert, vor sich hinrauchende kleine Öfen, Wasserschalen, grobe Metalltische, große Koffer, undefinierbare elektrische Apparate. Im Hintergrund ist ein Tisch mit DJ-Equipment und Computer und an der vorderen linken Bühnenseite eine Fläche mit einem Sammelsurium aus Musikinstrumenten, Elektronik und Klangobjekten.

Uns Zuschauern ist der Blick auf eine unaufgeräumte Werkstatt, ein Labor freigegeben, ein Experimentierfeld, in dem wir in der nächsten Stunde unseren Sinnen freien Lauf geben müssen. Es gibt eine Übermaß an Texten, Tönen, Musiken, Liedern, Bildern, Objekten, Figuren, Bewegungen, elektrischen Blitzen, aber auch Stille und sogar Gerüchen. Sechs Personen, die sich über die Bühne verteilen, deren Agieren oder Nichtagieren von uns die Entscheidung verlangt, welcher wir die Aufmerksamkeit geben, immer in dem Gefühl, etwas Entscheidendes nicht zu sehen.

Im nächsten Moment verdichten sich die Spieler zu einem Gebilde, einem Knäuel, so eng, dass ein Agieren kaum möglich ist. So eingezwängt, auf engstem Raum, wird versucht zu musizieren, ein Skelett zu animieren, wird ein Spieler gehändelt, behandelt, malträtiert, dass das Zuschauen nahezu schmerzhaft wird. Kurz glaubt man sich in einem Variete, Kunststücke wie die schwebende Frau oder das Verschwinden eines Menschen in einem von Säbeln durchbohrten Koffer werden perfekt in Szene gesetzt, um dann doch ganz banal aufgelöst zu werden. Wie nebenbei erscheinen für kurze Momente kleine Stabfiguren, kriecht ein batteriegetriebenes Gliederobjekt über die Bühne, öffnet eine Metalleule ihre leuchtenden Augen oder die Spieler setzen sich (gerade auf der Bühne geschmolzene, in Form gegossene und gehärtete?) Wachsmasken auf.

Die Klammer zwischen den Szenen ist immer wieder die Live-Musik auf der elektronisch verstärkten und verfremdeten Violine und den Sounds aus Samples, Moog, Bass und Computer. Dazu werden in Tom Waits-Manier Lieder gegrölt, in feinstem Alt ein Barocklied angestimmt und in Singer/Songwriter-Art Joni Mitchels Hymne Woodstock (We are stardust- Billion year old carbon – We are golden – Caught in the devil’s bargain – And we’ve got to get ourselves – back to the garden) gesungen.

Was hat das alles mit Frankenstein zu tun? Und ist das Puppentheater?

Frankenstein will den perfekten Menschen schaffen und verliert die Kontrolle über seine Kreatur. Neben der Frage: Was ist ein Mensch? verbergen sich viele weitere philosophische nach Leben, Individualität, Sinn, Recht, Unrecht, Glaube, Handeln, Tod … in dieser Geschichte. Ist das ganze Leben nicht ein Experiment, eine ewige Suche, gar ein Spiel? Und was bleibt von uns übrig? Wilde & Vogel nehmen uns mit auf eine assoziative, intensive, oft schmerzhafte aber auch immer wieder humorvolle Suche, um den Menschen, also uns selbst zu entdecken. Zu Beginn wird einer der Spieler „vermessen“, mit durchsichtigem Tesaband wird er umklebt, sein Gesicht wirkt durch diese Prozedur völlig entstellt und verzerrt. Die Enden der Tesastreifen werden meterlang abgerollt und am Boden und an den Wänden verklebt. So entstehen auf der Haut Nähte, die wirken als sei der Mensch grausamst zusammengestückelt und im Raum ein Netz aus durchsichtigen Fäden, die sich scheinbar aus dem Körper des Menschen spinnen, ihm aber doch keinen Halt geben können. Dieses Bild ist, neben anderen, ein Höhepunkt dessen, wozu Objekttheater imstande ist.

Als Schlusswort diene ein Zitat aus dem dramaturgischen Beiheft zum Frankenstein: Die Kunst wurde zu keinem anderen Zwecke entwickelt:, als mit lasziven Rhythmen und geschmeidigen Wortfügungen sowie inhaltslosem Wortgeklingel törichten Menschen einen Ohrenschmaus zu bereiten und ihnen durch den Genuß von Erdichteten, d.h. Erlogenem, die Sinne zu betören. (Agrippa von Nettesheim: Über die Fragwürdigkeit; ja Nichtigkeit der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, 1526)