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Alles eine Frage der Perspektive

Frauen lügen aus ihrem Leben
erschienen am 14.05.2014 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Was haben Frauen im Kopf? Schuhe natürlich. Manche bekommen die Treter auch an den Schädel geworfen. Die Klientin erzählt ihrer Therapeutin von dem Vorfall. Für die Behandlung steht die Liege an der Wand, Annette Scheibler „liegt“ daran angelehnt, während Sigrun Kilger als Psychologin sich daneben im gekippten Sessel am Boden befindet und die Beine in die Luft streckt. In der Welt der Frauen ist eben alles eine Frage des Blickwinkels, wie das Stuttgarter Ensemble Materialtheater mit einer witzigironischen Revue unter dem Titel „Frauen lügen aus ihrem Leben -oder wie ich lernte, meine Runzeln zu lieben“ zeigt.

Anders als Männer beginnen Frauen bereits in der Lebensmitte mit der persönlichen Retrospektive. Männer wechseln in den Wechseljahren die Frauen, Frauen die Perspektive. Muss man das Leben immer aus der Missionarsstellung betrachten? Zumindest das Schaf Rosa denkt darüber nach, als es Wolfgang wieder trifft, den menschlichen Gatten. Es gab Zeiten, da war Rosa eine Frau, stand am Herd mit der Uhr in der Hand und wartete auf die Heimkehr des hungrigen Mannes. Jetzt frisst sie Gras und verschlingt gierig Frauenzeitschriften, bis sie aufwacht und entdeckt, dass das schöne Schafsleben nur ein Traum war. Die Figurenspielerinnen Annette Scheibler und Sigrun Kilger haben gemeinsam mit der Sängerin Sandra Hartmann schön-schräge Episoden mit ernstem Hintergrund rund um das Frauendasein gestrickt. Dabei geht es um die verpasste Kinderchance zugunsten der Karriere, um Eigenständigkeit, Macht, den Uterus und das merkwürdige Verhalten gegenüber männlichen Vorgesetzten. Klischees werden temperamentvoll auf die Bühne im Fitz gezerrt und mit zarten Füßen in High Heels breitgetreten.

Die Emanzipation wird als bequeme Lüge im Pseudokampf um Gleichstellung entlarvt. Eine gehäkelte Klappmaulpuppe hält eine flammende feministische Rede, während im nächsten Moment die drei Darstellerinnen wie Amphibien zwischen Kosmetikprodukten über den Boden kriechen und den Selbstbestimmungsvortrag ad absurdum führen. Bei aller Emanzipation unterliegt man doch dem Schönheitswahn – und ist nicht eine Frau ohne Kind nur eine halbe Frau? Und wer macht den Stich im Erinnerungsbildchen-Quartett: die beim Onkel auf dem Schoß oder die mit Mann und Liebhaber?

Nicht geborene Kinder spuken ewig in Frauenköpfen herum und nehmen sogar als Pappfiguren Gestalt an. Wie segensreich, wenn man sich im Restaurant eine kleine Portion Optimismus mit etwas Würde als Beilage bestellen kann, auch wenn die von gestern ist. Radikalität ist aus. Und wenn vorhanden, gibt’s die in der Frauenkneipe nur tiefgefroren. Über die Hysterie können Kilger, Hartmann und Scheibler ein Lied singen, in den schrillsten Tönen und bis zur Schmerzgrenze „Der Uterus auf Wanderschaft“ heißt der hitverdächtige Song (Musik und Komposition von Daniel Kartmann und Oliver Prechtl). Er ist dem Philosophen Platon gewidmet, der Frauenleiden auf den Umstand zurückführte, dass die Gebärmutter ein Tier sei, das glühend nach Kindern verlange. Mit Puppen, Liedern, mit possierlichen Tanzeinlagen und viel Salonmusik werden die skurrilen Geschichten um Doppelbelastung, Dienstbarkeit und „revolutionäre Zellen“ sehenswert bestückt. Rührend sind die beiden Alten, die an einer Bushaltestelle warten, bis sie feststellen: „Der Bus sind wir“. Eigentlich kann man selbst bestimmen, wann er abfährt und sich die Zeit mit dem Naschen von Trockenfrüchten versüßen. Das Alter hat auch Vorteile: Die Damen müssen nicht mehr spritzig sein. Jetzt dürfen so viele Dörrfeigen gefuttert werden, wie in den trockenen Schnabel passen. Immer wieder gab es Szenenapplaus, auch für brillante Regieeinfälle von Alberto Garcia Sánchez. Schöner lügen lässt sich’s kaum. Trotz kluger und köstlicher Unterhaltung ist der Abend mit zwei Stunden allerdings zu lang geraten.