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Das Groteske in der Düsternis

Begeisternde, bilderstarke „Krabat-Inszenierung im Lindenfels Westflügel
erschienen am 02.10.2010 in Leipziger Volkszeitung
von Mark Daniel

Das Schlussbild ist ein Traum für sich: Krabat hat seinen Arm um das Mädchen Kantorka gelegt, und mit dem Rücken zum Publikum, im endlich hellen Licht, blicken die Puppen den Schauspielern hinterher, ihren Erschaffern und Bespielern. Der Sieg Über das Böse, geatmet in melancholischem Innehalten. Der letzte von vielen magischen Momenten der Inszenierung „Krabat“. die am Premieren-Donnerstag im vollen Saal des Lindenfels Westflügcls begeistert gefeiert wurde.

Mit nur einer Bogen-Bewegung zieht Charlotte Wilde hinein in die faszinierend-düstere Sage aus der Lausitz, die durch Otfried Preußlers Jugendbuch berühmt wurde. Die Saiten ihrer elektronischen Violine zerren Wind, Kälte und Beklemmung in den dunklen alten Westflügel-Saal, der an diesem Abend einzig gebaut und verwittert scheint, um dieser Produktion die perfekte Kulisse zu geben.
In ihrer Kooperation geht es Florian Feisei. dem Figurentheater Wilde und Vogel und der polnischen Grupa Coincidentia um mehr als das Erzählen der berühmten Geschichte im 30-jährigen Krieg, die man besser kennen sollte, bevor man die Eintrittskarte löst – es geht um deren Transport in den Kosmos der außergewöhnlichen Möglichkeiten von Figurentheaterkunst. in der immer Platz ist für Metamorphosen, für Übertritte in wundersame Zwischenwelten.

Und die gelingen den Künstlern in der Regie von Christiane Zanger meisterhaft. Mal verkörpern die Schauspieler selbst die Protagonisten, dann huschen sie in den Hintergrund, um Masken und Figuren oder gar Objekten die Handlungsstränge zu überlassen. Da schwebt eine profane Plastiktüte wie ein Traum in den Bühnenhimmel. bewegt sich die Krabat-Puppe durch nicht sichtbare Fäden über die Bühnenfläche, erscheinen die Personen der Geschichte als Miniatur-Raben oder als Ansammlung von Masken, unter denen sich die Arme und Hände der Künstler ineinander schlängeln – ein starkes Bild für den Verlust von Individualität unter der willkürlichen grausamen Herrschaft des Meisters der Schwarzen Mühle, die im Hintergrund als Schatten erbarmungslos malmt.

Das Grauen bekommt eine groteske Komponente, wenn die Knochen scheinbar durch einen Trichter gemahlen werden, den sich Feisel auf den Mund setzt. Überhaupt brechen kurze humorige Sequenzen die Düsternis auf, allen voran das Fest der Gesellen mit übermütig-witzigem Kasperltheaterspiel. bei dem es sich erleichtert lachen lasst – bevor der Meister wieder züchtigt.

Mit wenigen Kunstgriffen gelingen Szenen, die nur dieses Genre bewerkstelligen kann, umgeben von Wildes Geigenspiel, daraus gezogenen Elektro-Loops und hellem Gesang. Krabat, nun ausgestattet mit Zauberkraft, erhebt sich an Seilen befestigt in die Luft; das Begräbnis des getöteten Gesellen im Schnee symbolisiert lediglich die zurückgeschlagen weiße Rückseite des Bühnenbelags. Und es wirkt
Das Tempo der Wendung zum Guten, die Rettung durch das Mädchen, überrumpelt allerdings sehr. Man hätte durchaus noch ein bisschen länger mitgelitten und -geträumt in dieser bedrohlichen bis malerischen Mystik. Nach einer guten Stunde ist Schluss, nach einer sehr guten, einer fantastischen Stunde.