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Der Hintern liebt den Stuhl

Fantastische Premiere von "Sommernachtstraum - reorganisiert" im Fitz
erschienen am 19.02.2005 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Wen soll man anhimmeln, wenn man auf dem Mond ist? Kann man auf dem Mond heiraten? Wenn ja, wen und vor allem warum? Fragen über Fragen werden aufs Unterhaltsamste und Hintersinnigste von zwei ziemlich schrägen Vögeln auf der Bühne im Stuttgarter Figurentheater Fitz anregend diskutiert. Die beiden stehen am Rand der Welt, kurz hinter Athen und spielen mit Masken, Marionetten und kinetischen Objekten die Shakespeare-Adaption „Sommernachtstraum – reorganisiert“.

Die Koproduktion von Christoph Bochdanksy, dem Figurentheater Wilde & Vogel und dem Fitz hatte jetzt im Zentrum für Figurentheater im Tagblattturm unter der Regie von Astrid Griesbach Premiere. Bochdansky gilt als „österreichischer Meister humorvoller Irritation und poetischer Täuschung“. Gemeinsam mit Michael Vogel inszeniert er im Bühnenmikrokosmos mit Fabelwesen, amorphen Gestalten und mystischen Figuren ein fantastisches Verwirrspiel um Liebe, Lust und Leidenschaft, in dem der Mond als Liebesplanet eine zentrale Rolle spielt.

Klanglich virtuos untermalt wird die reorganisierte Traumfassung von Charlotte Wildes musikalischem Spiel mit elektronischer Geige und Gitarre. Allein das surrealistische Bühnenbild mit Objekten und Figuren wie aus einem Dali-Bild betört die Sinne. Da liegt eine nackte weibliche Figur hingegossen auf der Erde und atmet kaum merklich, indem sie Brustkorb und Oberschenkel leicht hebt und senkt. Ein Feenwesen an Nylonfäden scheint direkt aus Tolkiens „Herr der Ringe“ entschwebt und drei kleine Gnome, die wie durch Zauberhand über die Bühne rollen, erinnern anrührend an Bonsay-Aliens.

Da geht der Befehl an alle Athener: „Heiraten“. Vier goldene Kugeln rollen ohne Anschub wild über die Bühne, sich verfolgend, jagend, abstoßend, wie Hermia, Helena, Lysander und Demetrius bei Shakespeare. Da das mit den erotischen Verbindungen nicht reibungslos klappt, werden die vier Bälle in einen Raum gesperrt – aus die Maus: „Liebe braucht Führung.“

Herzerfrischende Heiterkeit
Ein Tröpfchen Saft aus der Wunderblume und jeder liebt jeden. Der Hintern den Stuhl, Russland liebt China. Nur die Welt, die brauchte noch etwas Liebe. Also wird mit dem Gießkannenprinzip gesprüht. Das wäre doch gelacht. Die Gewalt des anarchischen Eros blitzt messerscharf durch die herzerfrischenden Heiterkeitsmomente.

Wie kann man sich als modemer Mensch eine Elfe vorstellen? Das Prinzip der Traumwesen wird anhand von Lichtstrahlen erläutert: diese lassen sich nicht irritieren, da kann man fuchteln so lange man will. Bei ihrer Fantasterei stellen die Spieler fest, dass Bochum gar nicht auf dem Mond liegt. St. Moritz aber auch nicht. Und Houston? Da haben die poetischen Astronauten ein Problem. Wenn das nicht der Mond ist, was dann?

Egal. Die Mondlandung kommt aus dem Off. Bochdansky und Vogel bewegen sich wie in Zeitlupe über die Bühne. Dann wird die Spielebene gewechselt. Rein mental, versteht sich. Die Zuschauer dürfen sich jetzt einen stinkigen Oberon als Mischung aus Kingsize-Ameise und Belzebub vorstellen, der mit Elfengattin Titania, als grotesker Riesen- Schmetterling, im Eifersuchtsstreit liegt. „Macbeth“ spielt auch noch eine Rolle, aber eher verbal. Ist halt auch von Shakespeare. Auf anregende und spannend-unterhaltsame Weise verschmelzen Bochdanksy und Vogel geglaubte Wirklichkeiten und flirrende Fantasie zu einem turbulenten Bilderbogen auf mehreren Ebenen. Ein intelligentes Spiel und eine ebenso unerschrockene wie humorvolle Irritation, die man sich gerne gefallen lässt.