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Der Mensch als Käfer

Franz Kafkas Erzählung
erschienen am 12.03.2010 in Rheinpfalz
von HEIKE MARX

Die Puppenspielerin Maren Kaun stammt aus Mannheim. Seit Abschluss ihrer Ausbildung an der Stuttgarter Kunsthochschule arbeitet sie in der freien Figurentheaterszene. Im Mannheimer Theaterhaus TiG7 hatte nun ihre neue Produktion „Die Verwandlung“ nach Franz Kafkas berühmter Erzählung Premiere. Der bildende Künstler Alex Knüttel machte die Ausstattung, Frank Soehnle vom Figurentheater Tübingen führte Regie.

Fesselnd vom ersten Moment an ist die düster kafkaeske Atmosphäre, in der sich Bühnenbild, Figuren, Beleuchtung und die Musik von Johannes Frisch zusammen mit dem Kostüm der Spielerin und ihrer Spielweise ergänzen. Das Beklemmende an Kafkas verstörend monströser Erzählung, die das Absurde in einen nüchternen, dem Alltag abgelauschten Darstellungsstil kleidet, wird überzeugend vergegenwärtigt. Der Humor, der manchmal darin aufblinkt, ist tiefschwarz.

Alex Knüttel hat der Aufführung eine kleine Ausstellung von historisierenden Grafiken und Fantasie-Insekten aus Plastik vorangestellt. Deren Ästhetik kehrt in der Ausstattung wieder. Die Figurentheaterbühne ist aus gedrechselten Stilmöbelchen mit über- und nebeneinander getürmten Kästen aufgebaut, die wie Minibühnen die Räume des Wohnhauses darstellen: Familienwohnzimmer, Entree, Gregors Zimmer, das an drei „Zimmerherren“ untervermietete Zimmer. Über allen Schauplätzen hängen Gardinen und Spitzendeckchen. Zur Beleuchtung werden altmodische Lampen angeknipst. Aus einem Zinkeimer rechts fischt die Spielerin historischen Werbemüll. Sie trägt ein der Zeit nachempfundenes dunkles Kostüm. Eine Zinkbütte links deutet die Waschküche an. Man fühlt sich in das alte Prag zurückversetzt, dessen Behäbigkeit die Folie für ein Geschehen liefert, das von den Beteiligten als quasi normal, aber äußerst störend empfunden wird.

Dicht am teilweise geflüsterten Text entlang erleben wir Gregor Samsas Verwandlung in einen widerlichen Käfer zunächst nur als Stimme. Die Figuren der Mutter, des Vaters, der Schwester und schließlich auch des Prokuristen von Gregors Firma eilen herbei und stehen erstaunt, verstört, verärgert vor der verschlossenen Tür seines Zimmers. Der junge Handlungsreisende hat versäumt, wie gewohnt um 4 Uhr früh aufzustehen: eine Unpässlichkeit, eine Unart, eine Pflichtverletzung?

Als die Tür endlich offen ist, sehen sie nur einen Käfer, der Zuschauer sieht nichts. Ist Gregor der Käfer? Quälend deutlich wird dann, dass er sich tatsächlich in einen Käfer verwandelt hat: eine fette Made (aus Plastik) mit vielen Beinchen, den Fingern, und einem verzerrten Gesicht, dem Kopf der Spielerin. Er mampft verschimmeltes Zeug, fühlt sich in seinem Panzer eingezwängt, gewöhnt sich aber allmählich daran. Während das bürgerliche Leben der Familie weitergeht, wird das Ungeziefer geduldet, denn es könnte ja vielleicht Gregor sein.

Die Duldung nimmt allerdings im gleichen Maße ab, wie Gregors Erinnerungen an sein früheres Leben verblassen. Nur die Zuneigung zu seiner Schwester sitzt immer noch tief. Als sie beschließt: „Wir müssen es loszuwerden versuchen. Du musst bloß den Gedanken loszuwerden suchen, dass es Gregor ist“, haucht er still und ergeben seine Seele aus. „Es ist verreckt“, frohlockt die Familie und kann nun ihr gewohntes Leben unbeschwert weiterführen.