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Der Mensch ist nur ein besserer Affe

Schattenspiel 'Der Zoo in uns' im Fitz experimentiert mit Video und Projektionen.
erschienen am 16.06.2015 in Stuttgarter Zeitung
von Adrienne Braun

Am Anfang war das Nichts, die Ursuppe. Schlechte Nachrichten also für den Menschen, denn wenn Charles Darwin recht hatte, ist die angebliche Krönung der Schöpfung kaum mehr als ein ­besserer Affe. Im Fitz kann man nun den langen Weg der Evolution nachverfolgen. Das Stuttgarter Figurentheaterensemble Meinhardt, Krauss & Feigl hat seine Themenreihe zu den großen Kränkungen der Menschheit fortgesetzt. Denn erst behauptete Kopernikus, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums sei. Und dann kam Darwin mit seiner These, dass der Mensch nicht von Gott geschaffen sei, sondern ein einziger Teil der Evolution.

‚Der Zoo in uns‘ nennt sich die neue Produktion, die kein Theaterstück im klassischen Sinne ist, sondern ein technisch aufwendiges Experiment. Vier Tänzerinnen und Tänzer stehen auf der Bühne – doch der Hauptakteur dieses ambitionierten Projekts, für das auch Wissenschaftler zurate gezogen wurden, ist das Licht: So wird auf die Rückwand der Bühne eine abstrakte Landschaft projiziert oder es sitzen die vier Darsteller im Kreis und wedeln mit Armen und Beinen, die durch bewegte Lichtstreifen beleuchtet werden. Immer wieder werden auch Begriffe an die Wand geworfen: ‚Archae‘, was zelluläre Lebewesen meint, oder ‚Nekton‘, wie die schwimmende Welt in den Ozeanen bezeichnet wird.

Erst allmählich wird deutlich, dass Meinhardt, Krauss & Feigl hier eine Zeitreise durch die Evolution unternehmen. Die elektronisch erzeugte Musik mit kühlen Beats wird konkreter und erinnert plötzlich an das Brüllen von Dinosauriern oder an einen vielstimmigen Dschungelsound. Iris Meinhardt und Sawako Nunotani sowie Yahi Nestor Gahe und Luis Hergón sind zunächst nicht mehr als gesichtslose Masse, auf die Zellmaterie oder Pflanzenstrukturen projiziert werden. Irgendwann aber entdecken sie ihre Körper, bewegen die Zehen, erproben die Möglichkeiten ihrer Hände und spielen verschiedene Fortbewegungsarten durch, robben über die Bühne, krabbeln wie Käfer, werden zu Vögeln und brüllenden Raubtieren.

Immer wieder kommt es zu schönen Effekten, etwa wenn die Silhouetten der Körper magisch strahlen oder Licht über die Bühne läuft und die Tänzer dagegen anrennen. Dramaturgisch hat der Abend aber Schwächen. Und die Technik wird mitunter aus reinem Selbstzweck eingesetzt, statt sie inhaltlich zu motivieren. Wenn es dem Team beim nächsten Teil der Serie gelingen sollte, Inhalt und technische Experimentierlust zu verknüpfen, darf man sich auf wegweisendes Theater freuen.