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Der Teufel als Regierungssprecher

Ensemble Materialtheater und internationale Gäste
erschienen am 30.04.2015 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Narren sind das Gold in der Gesellschaft. Auch wenn sie von ihrem Psychotherapeuten manipuliert werden. Gyula Mòlnar führt dem Publikum im Stuttgarter Figurentheater Fitz am Dienstag mit bittersüßem Geschwätz das absurde Leben vor. Seiner japanischen Tanzmaus will er das Geradelaufen beibringen. Mit seinem Running Gag vom ‚abben‘ Bein des kriegsversehrten Onkel Georg amüsiert er. Sein Psychotherapeut, so verrät er, sagt ihm, ‚was positiv ist, damit die Leute wieder über mich lachen können‘. Und das böse Finale des Abends, in dem ein Mord geschieht und das ‚Corpus Delicti‘ geraubt wird, kommentiert er lakonisch: ‚Nun ist nichts geschehen.‘

Inhaltlich lose Szenen führen die Mitglieder vom Ensemble Materialtheater und internationale Künstlerkollegen zu einer Collage über Fremdbestimmung zusammen; Daniel Kartmann akzentuiert durch Musik und Geräusche. Vorgeführt wird eine bizarre Operation, in der eine Präsidentin sich liften lässt, um ihrer Wiederwählbarkeit wegen so auszusehen wie ‚eine aus dem Volk‘. Sie ­illustrieren per Handzeichnungen herrlich absurde Gedanken über neuronale Verknüpfungen und deren Wirkungen auf die ‚rationale und emotionale Manipulation‘. Sie halten Zeitungsschau mit Löchern in den Seiten. Eine Kriegsberichterstatterin verteidigt in einem Interview ihre dokumentarischen Fotos – die Moderatorin schlägt ästhetisierte Bilder (‚zum Beispiel eine weiße Tulpe mit roten Blutspritzern‘) vor. Im Kasperspiel wird ein Kriegstreiber – eine Handpuppe in Teufelsgestalt – als neuer Regierungssprecher eingekauft. Und eine sogenannte Tierschützerin, gespielt als Gutmensch, vermenschlicht einen Stoff-Gorilla, um Geld einzutreiben.

Lügen, Halbwahrheiten sagen, verführen, locken, die Wahrheit so brutal vorführen, dass das Volk wegschaut: In drei zehntägigen Laboratorien haben die Künstler über alltägliches Manipulieren experimentiert. Unter dem Titel ‚ Manipulation – eine unvollständige Collage‘ stellen sie ihr Ergebnis dem Publikum zur Diskussion.