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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Premiere am Stuttgarter Fitz: „Der Dämon“ von und mit Christoph Bochdansky
erschienen am 11.10.2014 in Esslinger Zeitung
von Petra Bail

Stuttgart – Ausschussware des Paradieses sind sie, die Menschen. Zumindest in den Augen dieses Wesens, das bei der Vertreibung dabei war. Kein Teufel will es sein, gibt aber doch zu, dass man sich kenne: „Wir kommen aus derselben Region.“ Ob Dämon, Teufel oder Mephisto, böse Geister wollen nur eins: die Seele, das Herz des Menschen. Dieser Mensch auf der Bühne ist Christoph Bochdansky. Er spürt den Dämon um sich herum. Schlimmer noch, sein eigener ist ihm sogar immer einen Schritt voraus. „I can feel the devil Walking next to me“ dröhnt es aus den Lautsprechern im Zentrum für Figurentheater, und Bochdansky, der unorthodoxe Wiener Künstler, Performer, Figurenspieler und Regisseur hottet beseelt zum Stimmungssong „One Night in Bangkok“ aus dem Musical „Chess“, aus dem die Liedzeile stammt: „Ich fühle, wie sich der Teufel zu mir gesellt“.

„Der Dämon“ heißt das einstündige Stück mit dem Zusatz „Eine Mutmaßung über das selbstbestimmte Leben“, das jetzt am Stuttgarter Fitz in der Regie von Peter Rinderknecht Premiere hatte. Eine knackige Stunde lang tritt Bochdansky in einen philosophisch-unterhaltsamen Dialog mit seinem eigenen bösen Geist, der in verschiedenen Gestalten äußerst gewitzt versucht, an das Künstler-Herz zu gelangen. Der übermannshohe Puppen-Dämon mit den riesigen Händen, dem klappern-

den Klappmaul und den Augen, die ein schwindlig machendes Eigenleben führen, hat vom jenseitigen Schlabberleben genug. Er will seinen eigenen beherzten Körper. Gewalt ist auch bei Geisterwesen verpönt. Also muss der Dämon den Spieler dazu bringen, ihm das Herz freiwillig herauszurücken. Der will es so ohne Gegenleistung aber nicht hergeben: „Den Unterschied zwischen seiner und meiner Brust wird sein Herz gar nicht merken“, mault XXL-Diabolo. Doch der Mann würde es naturbedingt lieber einer schönen Frau schenken.

Rede an „die lieben Mitäpfel“

Christoph Bochdanskys Dämon ist breit aufgestellt. Er kann in Pflanzen, Tiere und Menschen fahren. In Plauderlaune erzählt er, wie er einmal ein Blatt auf einem Baum war und zugesehen hat, als ein gefallener Apfel eine mit feuchten „pfffs“ betonte Ansprache an „die lieben Mitäpfel“ hielt. Äpfel sind in seinen Augen „das Dümmste, was man sich vorstellen kann“. Am schönsten ist es für ihn, in einem Menschen zu wohnen. Die Antwort des Publikums auf die Frage, ob es auch schon in einem Menschen gewohnt habe, ist vorhersehbar. Die Reaktion des pfiffigen Bösewichts ist verblüffend scharfsichtig: „Aber ich habe ab und zu Ausgang“. Sagt’s, zählt auf drei und verschwindet auch schon mit einem gezielten Griff des Figurenspielers. Derweilen lässt Bochdansky niedliche Minifiguren als Doppelgänger von sich

und dem Dämon auf kleinen Bühnen agieren, die er zwischen kunstrasengrüne Gestänge hängt, die wie Gummibäume an die Decke ranken. Der Dämon wartet auf „den richtigen Moment“, ein Einzelgänger, wie er betont. Die Zeit vertreibt er sich mit Metamorphose, eine Art Sport, bei der er zum perfekten Doppelgänger wird mit Pappmaske von Bochdansky vor dem eigenen hohläugigen Schädel. Witzige Zwiegespräche wechseln sich ab mit hintersinniger Fabulierkunst, sehr zum Gefallen der Zuschauer, die sich herrlich amüsieren ob dieses wundersamen, geistreichen Geschachers um den kleinen menschlichen Muskel. Diabolo schlägt einen Deal vor. Wie wär’s, den Keim des Todes aus dem inneren Ich herauszufischen? Der sieht erbärmlich aus, wie ein Wurm. Und überhaupt: Wer will schon ewig leben? Dem Dämon bleibt die Spucke weg, als Bochdansky ein Einfamilienhaus verlangt. Am Haus kann’s Herz hängen. Die Butze bläht sich im Hintergrund auf, wie eine Hüpfburg. Man kaspert ein bisschen darin herum, und am Ende hängt tatsächlich das Herz daran. Der Kampf ist zum ewigen Prinzip geworden: „Ich werde ihm mein Herz nie geben, und er wird nie aufhören, es zu wollen.“ Der Schluss wird gekrönt vom Gastauftritt einer Kollegin, „die mir noch was schuldig ist“. Sie tanzt die Hoffnung, denn die stirbt zuletzt.