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Dieses Wunderland ist eine Groteske

Wilde & Vogel zeigen im Fitz „Songs for Alice"
erschienen am 07.11.2011 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

Unsterbliche Alice: Bühnen- und Filmbearbeitungen sind ihr gewidmet, die Medizin kennt das „Alice-im-Wunderland-Syndrom“. Betroffene nehmen sich oder ihre Umgebung als verkleinert oder vergrößert wahr. „Klein werden“, schreit der Bocksgesichtige aus breitem Maul mit Hasenzähnen, den Michael Vogel über sich hält. „Groß werden“, kreischt das skurrile Wesen, als der Figurenspieler zwischen vielen Elektroschnüren endlich klein gefaltet auf dem Boden liegt. Machtlüstern fordert das rotzüngige Tier vom Menschen „Küss mich“. Die Raupe an der Bühnenrampe spuckt Dampf, ihr ekliger Leib gleitet langsam vor und zurück. Vogel spuckt vor dem Mikrofon Wasserfontänen aus einem Glas, produziert Jazzsilben und später in Frauenkleidern Babykreischen. Er windet sich lasziv, hält ein zerknautschtes Babygesicht in unfallträchtige Höhe, schmückt seinen Kopf mit einem gigantischen Karnevalsschmuck, führt einen prächtigen Flamingo vor. Grotesk die knallenden Konsonanten, wenn der Figurenspieler „A sitting on a gate“ oder „Father William“ singt, seine roten Westernschuhe auszieht und die nackten Zehen ins Figurenspiel einbezieht. Johannes Frisch erzeugt wunderbare Töne auf E-Bass und Rhythmusmaschine, Charlotte Wilde bespielt die E-Gitarre und singt mit silberglänzenden Katzenohren.

Ein Raritätenkabinett, ein Klang-und- Schau-Panopticum bringen Wilde & Vogel mit den bekannten Figuren Rabbit und Hutmacher, Grinsekatze und Herzkönigin auf die Bühne. Spiel und Gesang, Figuren und ihre Führung sind an Exaltiertheit kaum zu überbieten. Den roten Faden des handlungsfreien Abends hält Hendrik Mannes in der Hand. Lewis Carroll, Autor von „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“, hätte heftigst applaudiert.