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Effektvolles Nichts

Wilde & Vogel suchen den Menschen in ihrer neuen, gelungenen Produktion „Sibirien“
erschienen am 12.09.2015 in Leipziger Volkszeitung
von Karsten Kriesel

Es ist weder kalt noch leer im wie immer gut gefüllten Lindenfels Westflügel. Aber nie passten Holzscheitstapel samt überdimensionaler Ofenkonstruktion, die den Bauheizer aus Anfangstagen der Spielstätte abgelöst hat, besser zur Bühne als in der neuen Produktion der Westflügel-Mitbegründer Wilde & Vogel. In ihrer nunmehr fünften Zusammenarbeit mit Regisseurin Christiane Zanger entführt das renommierte FigurentheaterDuo den Zuschauer in die menschenleeren, kalten Weiten „Sibiriens“.

Charlotte Wilde und Michael Vogel betreten schmetterlingsumflattert die spartanisch eingerichtete, kaltweiß beleuchtete Bühne und zeigen schon mit diesem charmant lakonischem Auftritt einen wesentlichen Charakterzug ihrer Arbeit: Weder Akteure noch Material-, Musik- und Figureneffekte werden in ihrer technischen Anwesenheit versteckt, und doch zaubern die beiden immer wieder überraschendes Leben aus allem. Ob selbstspielende Gitarre oder sich aus Sand erhebende Figuren, allein das gut sichtbare „Wie“ ist toll anzuschauen.

Mehr noch als in früheren Inszenierungen verschmelzen die atmosphärischen Tonwelten Wildes mit der durch Vogel zum Leben erweckten Materialwelt: Hier stecken Tonabnehmer im Webrahmen, da werden Marionettenschnüre per Bogen zum raumdurchmessenden Kontrabass. Wilde bedient ihre Effekte mit einer derart unaufwändigen Virtuosität, dass es fast störend wirkt, als sie für den Schluss-Song zum Notenzettel greift.

Der mittels Flötenluftpumpe, Ventilator und diversen Pfeifen erzeugte Wind-Sound trägt den Zuschauer aber zunächst weit nach Nordosten. Neben der fast leeren Bühne ist es vor allem das beeindruckende Spiel mit Schweigen und Langsamkeit, das einen plastischen Eindruck winterlicher Leere vermittelt. In der totalen Stille steckt in jedem Geräusch, in jeder Geste eine Sehnsucht nach Kontakt und Kommunikation. Der geographische Raum wird zur Metapher: Dem Alles und Jetzt unserer Gegenwart wird das Nichts gegenübergestellt. Der totalen Ablenkung die gnadenlose Einsamkeit.

Wir begegnen traurigen Figuren mit ausgemergelten Körpern, großen flehenden Händen und affenartigen Köpfen. Vergeblich sehnen sie sich nach dem Kontakt der anderen, Finger- und Fußnägel sind vorsorglich sauber rotlackiert. Aber am Ende ist jeder allein mit sich selbst. Leise rieselt der Kunstschnee, auch aus dem Körper einer Frauenfigur, der ebenso versehrt erscheint wie das Gesicht eines Yeti-Fellmonsters, in das sich Michael Vogel verwandelt.

Vor lauter Einsamkeit werden einige hysterisch, aber wenn keiner da ist, der antwortet, oder wenigstens Angst hat, kann man noch so drohend brüllen. Offen bleibt, ob es sich hierbei um Affen handelt, die gern Menschen wären oder Menschen, die aufgrund mangelnden kultivierten Kontakts affenartig degeneriert sind; aber ebensolche Kreaturen trifft man ja auch im Hier und Jetzt zwischen Heidenau und Facebook-Kommentarspalten häufiger an …

Nicht immer gelingt Vogel nach zweifellos meisterhafter „Vorführung“ seiner Figuren, diesen Leben einzuhauchen – ein Sprung, der in vergangenen Inszenierungen oft mehr Zauber hatte. Ein „seltsamer Ort und Lebensraum“, wie es im Spielzeitprogramm des Westflügels heißt, ist dieses „Sibirien“ allemal. Und der kommende Winter in hiesigen Breiten schreckt nach solcher Reise auch nicht mehr.