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Eichen sind langsam

Domino Theaterfest
erschienen am 01.01.1970 in Göttinger Tagblatt 1999

Da sitzt einer auf dem Koffer mit den Bienen drin, und darum kann die Vorstellung nicht losgehen. Dieser eine hat die Sachen angezogen von dem anderen, dem mit den Bienen, und will nicht von dem Koffer runter. Vertrackt. Man muss ihn runterkriegen von dem Koffer mit den Bienen, dsumm, dsumm. dsumm. Aber nett, nicht ruppig. Vertrackt.

Die Probleme scheinen schlicht in „Asche“ von Ray Nusselein, Francesca Bettini und Gyula Molnar. Das muss so sein, denkt man vielleicht, denn es ist ein Kinderstück. Gyula Molnar tourt mit „Asche“ im Gedenken an den verstorbenen Ray Nusselein, den ersten Träger des weltweiten Kindertheater-Preises. Er spielte es in Göttingen im Alten Rathaus, vor Erwachsenen im Abendprogramm des Domino-Theaterfestes.

Molnar habe gerne vor Erwachsenen spielen wollen, erzählt Christoph Buchfink vom Domino-Theaterverein. Doch Erwachsene sind alle mehr oder weniger geübte Theatergänger, sie kennen das Ritual von Reinkommen, Dunkel, Bühne, Spieler, Applaus und wieder Raus. Bei „Asche“ funktioniert das nicht. Der Anfang bröselt wie Asche, das Ende auch, der Applaus klingt etwas verwirrt. Und die Probleme sind auch nicht schlicht.

So ein Kerl auf einem Koffer, auf den er nicht gehört, lässt Raum für Spekulationen. Warum sitzt der da? Warum hat er dem Menschen, der die Bienenkunststücke vorführen wollte, seinen eigenen, jenem viel zu großen Mantel überlassen? Warum ist Asche in den Manteltaschen? Warum Eicheln? Der Mensch im viel zu großen Mantel entwirft ein Bild vom anderen: ein Armer, der fliehen musste und seine letzten Erinnerungen verkaufte, um weiterleben zu können. Er streut die Eicheln, um eine Spur für, seine nachfolgende Familie zu legen. Aber Eichen wachsen so langsam.

Zauberhaft sonnig

Es ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung, das gibt es auch im Kindertheater nicht zum ersten Mal. Gyula Molnar und „Asche“ pfeifen auf Üblichkeiten – und bringen zauberhaft sonnig, clownsmelancholisch, ein bisschen belehrend und sehr anrührend ungewohnte Saiten zum Klingen.