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Ein emotionaler Kosmos in ungewöhnlichen Ausdrucksformen

Spleen beim Figurentheaterfestival
erschienen am 17.06.2009 in Magdeburger Volksstimme
von Liane Bornholdt

Das Nachtgeschehen am Montag beim Festival im Magdeburger Puppentheater begann mit Poetischem.

„Spleen“ ist das Leitmotiv, mit dem sich Hendrik Mannes, Charlotte Wilde und Michael Vogel den poetischen Welten des Charles Baudelaire nähern. Sie befragen diese nach zeitgemäßen und wohlbekannten Haltungen, geben ihnen Bilder und Klänge, lassen sich darauf ein, bis sie das Publikum mit hineinziehen. Neben „Les Fleurs de Mal“ (Die Blumen des Bösen“ ist „Le Spleen de Paris“, die posthum erschienene Sammlung von Gedichten in Prosa, das bekannteste Werk des Charles Baudelaire. „Spleen“ ist die melancholische, pessimistisch-depressive Weltsicht, die alle Dekadenz der äußeren Welt genau beobachtet, aufsaugt und in schwer fassbare dunkle Gefühle verwandelt.

Diesem emotionalen Kosmos haben das Figurentheater Wilde & Vogel (Lindenfels Westflügel Leipzig) mit dem Regisseur Hendrik Manns ungewöhnliche Ausdrucksformen gegeben. Man hört einige der Prosagedichte aus dem Off, gelesen von ganz jungen Stimmen. Die jugendlichen Vorleser entkleiden die Texte den historisch angehäuften Schichten ihrer gefühligen Düsternis, vermitteln ein wenig Distanz und Kühle, wodurch jedem Zuhörer sein eigener Assoziationsraum geöffnet wird. Mit Gitarre und Geige sowie einer Reihe von Soundeffektmaschinen taucht Charlotte Wilde alles aufs Neue in melancholische Stimmungen, durchbrochen jedoch mit Widersprüchlichkeiten, einigen harten Klängen, Melodien, die ihrer Auflösung verlustig gegangen sind, musikalisches Träumen und erinnern, hier auch ein weit gespannter Assoziationsraum.

Derweil lässt Michael Vogel Figuren entstehen. Mit großer spielerischer Virtuosität zeigen diese alle Spukgestalten im Kopf, den Tod als Geiger, als Schnitter, verwandelt in einen komischen Vogel etwa. Und er zeigt die Tänzerin und Liebende, die einem Torso gleich mal gesichtslos ist und sich bald wandelt in eine getanzte Traurigkeit.

Aus der Absinth-Flasche entsteigen die Geister des Rausches, die die gesamte Spielfläche beherrschen und als tanzende Skelette wieder auferstehen.

Dabei bedient sich der Spieler sehr verschiedener Figurentechniken. Er beherrscht das klassische Marionettenspiel ebenso wie das Spiel mit Stabfiguren oder Hand- und Fingerpuppen. Mit Letzterem entsteht zum Beispiel ein groteskes Kasperletheater auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, grob, hysterisch, bis er den Vorhang wendet und die Rückseite der gespielten Welt sichtbar macht. Schließlich hängt der Bildererzähler wie seine Kopfgestalten und Masken auch einer Marionette gleich im Seil. Hier wird alles, Marionette und Spieler, Außen- und Innenwelt, zum Vexierspiel der Uneindeutigkeiten.

Mitunter freilich will man auch nicht mehr unterscheiden, ob die Texte Baudelaires die Illustration zum komplexen Figuren- und Musikspiel sind oder doch die Urbilder fürs Spiel. Virtuos, ein wenig verstörend, sehr poetisch und in allem von tiefer Melancholie war dies eine berührende, doch spukhafte Nachtvorstellung.