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Ein Gesamtkunstwerk nach Motiven von Giacometti

Figurentheater Tübingen zeigt ein komplexes Stück
erschienen am 05.12.2011 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

Stuttgart/Tübingen – Einst galt Frank Soehnle, der Mann, der hinter dem Figurentheater Tübingen steckt, als große Nachwuchshoffnung. Heute ist er einer der Meister des Figurentheaters, weltweit bekannt und aktiv. Soehnle pflegt einen eigenen, richtungsweisenden Stil. Im Fitz zeigt er im Rahmen einer kleinen Werkschau seine neueste Arbeit, das Stück „Hotel de Rive“ nach Motiven von Alberto Giacometti (1901-1966).

Soehnle gehört zu denjenigen, die die Türen des Figurentheaters weit aufgestoßen haben für andere Kunstformen, die Musik und Schauspielern, aber auch die bildenden Künste und Literatur in das Figurentheater integrierten. Bei Soehnle, einem der ersten Schüler des vom großen Meister Albrecht Roser initiierten Studiengangs Figurentheater in Stuttgart. Und auch wenn er stilistisch sich im Laufe der Jahre weit von seinem Lehrmeister entfernt hat, es blieben die Figuren, das, was man auch als Puppen bezeichnet, als das tragende Element seiner Kunst.

Hier unterscheidet sich Soehnle von den aufgekommenen Strömungen des Materialtheaters und anderen Spielarten, die Figuren, in deren Bau er eine besondere Meisterschaft entwickelt hat, bei ihm stehen diese Figuren weiter im Mittelpunkt.

Auch in seinem neuesten Werk, der skurrilen Revue „Hotel de Rive“ bleibt das so, wiewohl er auch hier seine Inspirationen, seine Bilder, seine Bewegungen auf der Bühne aus vielen Bereichen holt. Da sind zwei Alphörner und zwei Posaunen im Einsatz, machen mal Musik, dann wieder undefinierbare Geräusche. Da ist vor allem aber der Schweizer Maler, Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller Alberto Giacometti.

Aus drei surrealen Texten sowie einem Epilog aus dem Werk „Paris ohne Ende“, vorgetragen von Patrick Michaelis, der selber auf der Bühne zeitweilig zu einer sprechenden Figur mutiert, hat Soehnle unter der Regie von Enno Podehl eine Performance gezaubert, die dem lange Jahre in Paris lebenden Künstler auf den verschlungenen Pfaden seiner Suche nach Perfektion folgt. Er hatte sich zunächst von den Kubisten, dann auch von den Surrealisten losgesagt, und einen eigenen Stil geprägt.

Eine merkwürdige Welt aus für Soehnle so typischen Figuren, den oft drachenartigen Flugwesen, Text und Spiel, Musik und Geräuschen, verbunden mit einem düsteren Licht auf einer ebenfalls verwirrenden Bühne präsentiert sich dem Zuschauer, immer wieder aber ordnet sich die krude Welt der Bühne.

Soehnle hat sich wohl sehr dezidiert mit Giacometti auseinandergesetzt, nicht umsonst wurden schon vor der Jahrtausendwende seine Figuren zum Beispiel im berühmten Stück „Flamingo Bar“ mit den Bildhauereien Giacomettis verglichen. Das führt dazu, dass eine Welt, die eigentlich nicht beschreibbar ist, die sich aus der Realität völlig entfernt hat, hier doch eine Beschreibung findet. Sie findet sie in einer Parallelwelt von unbegreifbarer, aber durch die Darstellung erfühlbarer Poesie, Kunst fernab von jeglichem Realismus, aber dafür um so intensiver.