Springe zur Navigation

Erotischer Automat

Das Stuttgarter Fitz zeigt „Eliza“, eine aufregende Begegnung von Mensch und Kunstmensch .
erschienen am 04.11.2019 in StZN
von Cord Beintmann

Wie zärtlich können Roboter sein? Diese Frage stellt das Figurentheater-Projekt „Eliza“, das im Stuttgarter Fitz eine aufregende Begegnung von Mensch und Kunstmensch zeigt.

Pygmalion, Eliza Doolittle, lebende Puppe, Sexpuppe, künstlicher Mensch, Homunkulus, Roboter, Automatenmensch: All diese Begriffe stehen für ein altes und zugleich aktuelles Thema, der Bogen spannt sich von Ovids Pygmalion bis zur Künstlichen Intelligenz. Der Mensch will nicht nur weitere Artgenossen zeugen, er will auch ein künstliches, menschenähnliches Ding erschaffen, das nach seiner Pfeife tanzt.

Jetzt ist im Stuttgarter Fitz das Figurentheaterprojekt „Eliza – Uncanny Love“ von Iris Meinhardt und Michael Krauss zu sehen. Das Siebzig-Minuten-Stück tastet sich behutsam an sein Thema heran. Ein Mann legt eine Kunststofffolie um seine Schenkel. Warum? Das wird erst später klar. Irgendwann schleppt er eine Beinprothese auf die Bühne. Es ist ein naturalistisch ausschauender Kunstfuß, an den sich aber eine beinlange feine Apparatur anschließt, die den Fuß in Bewegung setzt. Jener Mann, Ludger Lamers, umhüllt das Technik-Bein mit der Folie, um ebendiese Technik zu verhüllen. Eine Kunsthand kommt hinzu, die dem Mann aus Fleisch und Blut sogar über den Kopf streichelt.

Lamers kontrastiert die schnöde programmierten Bewegungen des Technomonsters mit veritablem Ausdruckstanz. Andererseits bewegt er immer wieder die eigenen Füße und Hände parallel zu den künstlichen Gliedern, und da gerät das von Iris Meinhardt inszenierte Stück sehr dicht. Man vergleicht: Was für ein Wunderwerk ist doch ein menschliches Bein, das sich bewegt! Lamers verfügt über eine beachtliche Körperpräsenz. Die Begegnung von Kunstbein und Mann wird bei ihm zu einer erotischen Umklammerung.

Allmählich vervollständigt sich das an einem Ständer hängende Artefakt, hat zwei Beine, zwei Arme und einen Kopf, der eine Mixtur aus Helm und Totenkopf ist. Neckisch hebt die Puppe die Lider und hat dabei etwas Rührendes. Mann und Kunstmensch, wohl eine Kunstfrau, umarmen sich. Möglicherweise leidet dieser Mann an Agalmatophilie, auch Pygmalionismus genannt, einer sexuellen Vorliebe für nackte Statuen. Jedenfalls entwickelt sich auf der Fitz-Bühne keine harmonische Beziehung.

Sehr konkret und sinnlich bearbeitet „Eliza“ das Thema der künstlichen Menschen. Anna Illenberger, die auch singt, unterfüttert das Bühnengeschehen mit technoiden, aufregenden Klängen. Die Animation der Puppenglieder – Robotikbau: Nils Bennett und Michael Krauss – ist bewundernswert, die Abstimmung der Bewegungen von Kunstmensch und Mensch präzise. Doch „Eliza“ zeigt im Stuttgarter Fitz auch, dass Natur und Technik zwei Welten sind: Pseudomenschlichen Kunstwesen haftet nicht zuletzt etwas Kläglich-Lächerliches an.