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Figurentheater mit Blick auf die Nazizeit

Hartmut Liebsch zeigt im FITZ die Kaspergeschichte „Herrmann geht nach Engelland"
erschienen am 15.02.2013 in Ludwigsburger Kreiszeitung
von Arnim Bauer

STUTTGART. Sage keiner, dass man im Theater nichts mehr über die Vergangenheit lernen könnte. Hartmut Liebschs Figurentheaterstück „Herrmann geht nach Engelland“ bringt jedenfalls neue Erkenntnisse . Nicht nur die theaterüblichen „höheren“ Lehren, sondern ganz konkret eine Tatsache, die auch Insidern kaum bekannt ist, spielen im Hintergrund mit: Zu Zeiten der braunen Machthaber gab es in Stuttgart tatsächlich das Reichsinstitut für Puppenspiel. Es wurde 1938 gegründet mit dem Ziel, das Laienpuppenspiel sowie die Berufspuppenbühnen propagandistisch zu instrumentalisieren, indem man die Steuerung, Koordinierung und Förderung des Genres zentralisierte. Sogar ganze Puppenserien, die den mörderischen Machthabern genehm waren, wurden entwickelt und verkauft.
Die Brücke zum Stück schlagen Vorlagen, die von den Nazis zur antisemitischen Propaganda eingesetzt wurden. „Der Jude im Dorn“ oder Kasper fährt nach Engelland“. In „Der Jude im Dorn“ von Hermann Schulze erhängt der gute deutsche Kasper am Ende den Juden Levi Blauspan.

Beim Puppenspieler Herrmann, der zur Truppenbetreuung an die Westfront versetzt wird, ist die Figur des Blauspans plötzlich verschwunden. Es entwickelt sich ein sehr ansehnliches Spiel, das auch etwas Nostalgisches in sich trägt, das aber auch zeigt, dass das gute alte Spiel mit den Handpuppen auch heute aktuell sein kann. Kasper und das Krokodil sind hier zentrale Figuren, die zusammen mit dem Puppenspieler auf die Aufführung vor den Matrosen des Schlachtschiffs Bismarck warten. Zwischen Puppen und Puppenspielerwelt, zwischen Mensch und Puppe, entsteht eine eigene Ebene, deren Charakteristikum eine stetige Unsicherheit, das Lauern des Bösen im Hintergrund ist. Auf der Ebene der Puppen droht das Düstere, das Regime, und sorgt dafür, dass am Ende alles vernichtet wird, ohne dass das Böse selbst je als Institution aktiv wird. Schließlich wohnt es allem ein Stück weit inne. Auch wenn am Ende keine Matrosen kommen, die Bismarck ist „mit wehenden Fahnen“ untergegangen.