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Figurentheater-Zauber

erschienen am 05.10.2015 in Stuttgarter Nachrichten
von Brigitte Jähnigen

‚Haben Sie schon über ein Kind nachgedacht?‘ Die Frau schaut den Mann nicht an. Beide stehen in einem Kubus aus Gaze, zwischen ihnen das fragile Modell eines unfertigen Schlafzimmers. Minimalmusik füllt Bühne und Publikumsraum, ein Hoffnungs-Loop zwischen Wummern, Wassergeräuschen und psychedelischen Mixturen. Verhandelt werden – 70 Minuten im Zwielicht – seelische Unterschiedlichkeiten in Zeit und Raum, eine turbulente Beziehung, bestimmt durch Ich, Es und Über-Ich.

Mit ‚Und plötzlich stand die Sonne still‘ und ‚Der Zoo in uns‘ inszenierte das Ensemble Meinhardt Kraus Feigl zwei der vier großen Kränkungen der Menschheit (kosmologische, biologische, psychologische, technologische) und faszinierte am Donnerstag mit der Adaption des dritten Teils. Als Frau (Iris Meinhardt) und als Mann (Robert Atzlinger) stolpern die beiden durch ihr Leben. Irren durch auf den Gaze-Kubus projizierte Menschenmengen und Straßenfluchten. Sie lieben sich auf Meereswogen, drohen in einer Feuersbrunst unterzugehen, wechseln in den Rollen von Opfer und Täter, sind zärtlich Gebende und distanziert Gekränkte. ‚Wo ist denn die Mama, wann kommt denn der Papa?‘ und ‚Die Großmutter wurde gefressen, das Kind wurde gefressen, und jetzt träum‘ was Schönes!‘ – sehr konkret werden Kindheitsbilder beschrieben, deren seelische Folgen einen Menschen für immer verfolgen können. Es tut weh, wenn Meinhardt und Atzlinger auf Ursachenforschung gehen. Doch ihr Spiel ist so leicht, die Choreografie der beiden Körper so fein, die bewegte Videobildabfolge so fantasievoll. Die Inszenierung verzaubert! –