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Für Theater ist es nie zu früh

erschienen am 15.04.2010 in Berliner Zeitung
von Ulrich Seidler

Dieses Theater ist schöpferisch im biblischen Sinn des Wortes. Es werden aus dem grauen Nichts mit ganz ursprünglichen Mitteln auf derart unausweichliche Weise erste und letzte Fragen aufgeworfen, dass sich die Zuschauer noch während der Vorstellung veranlasst sehen, in die Erörterung derselben einzusteigen. Während sich in einer Ecke des Saales eine tuschelige Diskussion über die Phänomenologie des Lichtes entspinnt und seine Erscheinungsformen in den verschiedenen Wellenlängen aufgerufen werden („Das ist jetzt gelb!“) – ergreift ein Zuschauer mit völlig neuer Sichtweise das Wort und posaunt seine These in die Runde: „Mama, ein Kreis“. Ein anderer versucht seiner begeisterten Zustimmung Ausdruck zu verleihen; es ist aber nicht entnehmbar, worauf er hinauswill, auch wegen des Gummibärchens in seinem Mund. Nicht alle sind geneigt, das Gesehene sofort in Begriffe zu fassen; der eine oder andere schweigt und staunt und schluckt und hat die Hand auf dem Kopf des Nachbarn vergessen. Eine Zuschauerin bricht in Tränen aus und muss aus dem Saal getragen werden. Doch bei aller Geschäftigkeit: Die Atmosphäre im Saal bleibt gesittet, konzentriert und ist von vertrauensvoller Zuneigung erfüllt.

Meine Tochter Helene war sauer, weil ich sie nicht mit ins Theater nehmen wollte, und noch saurer, weil ich stattdessen ausgerechnet mit ihrer kleinen, nicht einmal zweijährigen Schwester Karoline ging. Nun, Helene ist in diesem Fall mit ihren bald sechs Jahren leider schon viel zu alt. „Aber du“, war ihre renitente Antwort. In stillem Stolz auf meine siegreich weitervererbte Fähigkeit zur Argumentation erklärte ich: „Ich darf überall rein, ich bin Theaterkritiker.“

Mindestens fünfzig höchstens Dreijährige sind mittwochmorgens in die Schaubude gekommen – zur Deutschlandpremiere von „Ki Di Gri“, einem Stück der französischen Kleinkindertheatermacherin Isabelle Kessler. Die Handlung ist so überschaubar und allumfassend wie das erste Kapitel der Genesis. Eine graue Frau – Thérèse Angebault – kommt in einen grauen Raum, es gibt drei Koffer und eine Schürze mit vielen Taschen. Die Frau zieht hier einen wunderbunten Tuchzipfel, dort eine kreischende Papageienfeder hervor – und schafft nach und nach farbige Weltinseln: einen Froschteich, eine Kuhweide, ein Vogelnest mit einem Ei, das bei den Zuschauern kurz nach Ostern natürlich zu Begeisterungsstürmen führte. Die Frau sah, dass alles gut war, und mit einer vielfarbigen Windmühle flog sie nach einer halben Stunde wieder von der Bühne, verbeugte sich noch ein paar mal und verschwand.

Ich war begeistert, aber mein Urteil tut nichts zur Sache, denn ich gehöre – wie schon festgestellt – seit ein paar Monaten nicht mehr zur Zielgruppe. Deshalb suchte ich das Gespräch mit der mich begleitenden Expertin. Wie mochte sie den ersten Theaterbesuch ihres Lebens empfunden haben? Mit langen gedankenvollen Blicken hatte Karoline das Geschehen auf der Bühne verfolgt; sie ließ sich auch nicht von einem Nebenzuschauer ablenken, der unerklärlicherweise immer wieder über sie hinwegkugelte. Ich bin mir nicht sicher, ob Karoline und dieser kleine, gar nicht unfreundliche Trampel in ihrer ungeteilten, nach vorn gerichteten Aufmerksamkeit von den Kollisionen überhaupt Notiz genommen haben.

Unser Expertengespräch fand dann unter dem noch frischen Eindruck des Stück-Endes und des Schlussapplauses statt, an dem wir uns beide wohlwollend beteiligt hatten. Karoline war für das Theater an sich eingenommen, aber ich spürte doch eine metaphysische Verunsicherung. „Theater vorbei“, konstatierte sie, und ich pflichtete ihr bei. „Kinder klatscht“, setzte sie ihren Gedanken fort und vergewisserte sich mit einem ihrer Blicke auch hier meiner Zustimmung: „Richtig, die Kinder haben geklatscht. Und du hast wunderschön geklatscht.“ Das fand Karoline auch, aber darum ging es ihr in dem Moment nicht; sie wollte auf etwas anderes hinaus: „Frau weg?“, fragte sie. „Nein“, versuchte ich sie zu beruhigen, „die Frau ist nicht weg. Die ist nur hinter die Bühne gegangen und zieht sich wieder um.“ Es half nichts, sie beharrte auf ihrer Beobachtung: „Frau weg“, sagte sie immer wieder, und weil ich sie nicht überzeugen konnte, fand sie eine eigene Erklärung: „Zaubert.“