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Gebeine, die über die Bühne kullern

erschienen am 26.10.2015 in Pforzheimer Kurier
von Harald Bott

Auf der Bühne beginnt ein Pendel zu schwingen. Im abgedunkelten Saal ist es mucksmäuschenstill. Nur das gleichförmige Ticken des Pendels ist zu hören. Daneben hängt ein Vogel und beginnt mit seinen Flügeln zu schlagen. Der Vogel scheint die Konstellation dem Zuschauer erzählen zu wollen, trägt sie davon, die Zeit mit ihrer unerbittlichen, gleichzeitig schöpferischen und destruktiven Kraft.

„Traumgefährten“, die jüngste Inszenierung des Figurentheaters Raphael Mürle, hatte am Freitagabend im vollbesetzen Mottenkäfig seine Uraufführung. Der Untertitel „Die Welt der Schlafwandler und Zeitreisenden“ umschreibt die Welt, die Mürle mit seinen Figuren auf der Bühne schafft. Ein Kopf schwebt durch den Raum, dann ein symbolisierter Körper. Fremd und entfernt sind sich Körper und Geist, und erst im Schlaf vereinen sie sich zu der ursprünglichen Einheit.

Zehn Szenen zeigt das Stück, jede geprägt von der kreativen Kraft der Entwürfe der unterschiedlichen Figuren. Da ist ein Körper, dessen Gebeine über die Bühne kullern, eine Art Skelett- Schlange mit großen, runden Kugelaugen, und ein Kissen, das sich mit einem Karton kabbelt. Doch dann erhält das Kissen einen Kopf und zwei Arme und fertig ist der Bauchmensch.

Eine durchgängige Handlung hat das Stück nicht. Vielmehr ist es ein Schaulaufen der fantasievollen Marionetten, die manchmal in ihrer surrealen Kraft an die Bilder von Salvador Dali denken lassen.

Mit den einzelnen Szenen entwirft Mürle aber zudem einen weiten, symbolisch interpretierbaren Raum, in dem sich jeder Zuschauer frei bewegen kann. Am Ende rückt wieder das Pendel ins Zentrum der Bühne. Im Hintergrund eine Scheibe, einem Zifferblatt ohne Zeichen gleich, davor ein symbolisiertes Gesicht. Es beginnt zu pendeln und geht schließlich unter – in einem Bild, das einem Sonnenuntergang gleicht, der auf dem Kopf steht.

Musikalisch begleitet wurde Mürle von Philipp Haag auf dem Akkordeon. Seit Februar entwickelte er passgenau gemeinsam mit Mürle die Musik zu den einzelnen Szenen.

Es sei fantastisch gewesen, sagte Haag nach der Vorstellung, die Musik zusammen mit dem Stück zu entwickeln und nicht die Musik zu einem bereits fertigen Werk zu schreiben. Haag studierte von 2009 bis 2012 am Hohner-Konservatorium in Trossingen Klassisches Akkordeon und Dirigieren. Er ist unter anderem der musikalische Leiter des Akkordeon- Orchesters Bad Wildbad. Regie der „Traumgefährten“ führte Martin Bachmann, der bisher für die unterschiedlichsten Theater 65 Stücke inszenierte.