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In Minnes und Zufalls Hand

Am Theater der Puppen im Kali, Nürnberg: Tristan und Isolde
erschienen am 01.01.2004 in double

Mit den Namen ist es wie mit anderen Schicksalsschlägen: “ Man kann sich’s halt nicht aussuchen“, lässt der Regisseur Tristan (Vogt) über des Titelhelden Tristan (…und Isolde) angetaufte Traurigkeit mitteilen. Die allegorischen Wegelagerer, Frau Minne und Herr Zufall, Reiner Zufall, führen uns handgerecht in die heftigste Liebesgeschichte jenseits von Romeo & Julia. Vorbei an der Oper, zurück zu den Wurzeln purzeln. Was Richard Wagner an dramatischen Windungen alles verpasst hat, zeigt das Berliner Theater Handgemenge in Koproduktion mit Tristans Kompagnons aus Nürnberg im verwunderlich wunderbaren Figuren-Spektakel „Tristan und Isolde“ nach Gottfried von Straßburgs unendlicher Geschichte. “ Sehr schön ausgeschnitten“, lobt Herr Zufall als zuständiger Dramen-Coach die kleinen Papierfiguren aus der Original-Illustration der “ Tristan“-Handschrift (13. Jahrhundert) für ihren fliegenden Einsatz. Wenn der Staub der Jahrhunderte weggeblasen ist, erzählen sie im Schnell durchlauf die History, wo markant gestorben (schwupps, weg war er) oder ruhmreich überlebt wird. Dann explodiert die Dimension; aus platt gemachten Pappkameraden werden rundgeschnitzte Protagonisten, die ein wenig wie Boris und Steffi (bei Romantik-Bedarf mit mundgeblasenem Wind in den Haaren) gucken und bei Hofe durch “ geselliges Musizieren“ die Stimmung so hoch peitschen, dass die ältlichen Moderatoren Minne und Zufall zum Last Dirty Dancing herausgefordert sind. Tristan war also – kein Heldentenor der Welt konnte uns das bislang vermitteln – ein Wunderknabe mit Talent für Schwert und Schach, der seine Liebste pflichtbewusst an den König weiterreicht. Was ihm vergleichsweise leicht fällt, weil: statt des auch im Kehlkopf an strengenden Liebestods gibt es hier ein g’schlampertes Dreiecks- Verhältnis mit häufig wechselnden Verkehrszonen. Der Held, ganz Jäger und Sammler, schafft Eber für Mittagstisch-Portionen herbei und ergänzt zur Nacht den ehelichen Kontakt. Das muss zum Skandal führen, aber nichts geht über König Marke. Der weist das Paar, milde gestimmt durch frohe Stunden an Tisch und Bett, nur in die Verbannung. Die pointensicheren Puppenspieler Friederike Krahl und Pierre Schäfer setzen alle Hände und viele Stimmen ein für diese mächtig ausholende, vom Kasper-Kleinformat rasant ins Kolossale wachsende Aufführung, die im ironischen Tonfall von Tristan Vogt mit geblähter Phantasie segelt. Tausend hinreißende Einfälle (Jäger mit Mordauftrag als klappernde Scheren gehören zu den schönsten) führen sagenhaft zielsicher durchs Labyrinth der ursprünglich 19.948 Verse in eine am Ende herzergreifende Poesie, die Wortwitz im melancholischen Bild bindet. Dabei ist der Kontrast von den quasi 700- jährigen Stab-Miniaturen, die wie ein rhythmisches Finger schnalzen durch die Story fegen, zu den Besitz ergreifend nach dem Plot grapschenden Kompakt-Köpfen (Puppen und Kostüme: Thomas Klemm, Suse Wächter, Joachim Torban) für den Blick ebenso belebend wie die rabiat harten Filmschnitte im Szenenwechsel, die aus der nur scheinbar zur Kasper-Dramaturgie geschaffenen Bühne den Raum für großes Theater machen. Wenn die Schnitt muster schweben und hinter dem Gazeschleier ein vorher vor allem durch Kommunikationshemmung aufgefallener König in Looser-Pose einrastet, sind alle Fragen nach Größenordnungen aufgehoben. Da dürfen sich dann ruhig auch die zwei aus gewachsenen Menschen, die das Schicksal in der Hand hatten, riesig verbeugen. Man geht glücklich raus aus dem Kali und lässt, beim Spaziergang vorbei an der nahen Nürnberger Staatsoper, Wagner einfach rechts liegen.“