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Kleine Handpuppen, ganz groß

Das Theater Handgemenge begeistert im Potsdamer T-Werk mit einer Version des Nibelungenliedes
erschienen am 08.12.2014 in Märkische Allgemeine
von Judith Meisner

Potsdam – Was ist das für ein Land, dessen Nationalheld ein betrügerischer Depp ist? Das fragte sich Jacob Hermann Obereit (1725 bis 1798) am Freitagabend im Potsdamer T-Werk. Als Erzählerfigürchen führte Obereit durch das dramatische Dickicht der Nibelungensage. Titel des Puppenspiels „Looking for Brunhild“ – Auf der Suche nach Brunhild.

Am Ende der Geschichten sind alle Protagonisten tot, nur Brunhilds Verbleib ist nicht geklärt. Dem gingen die Schauspieler Veronika Thieme und Pierre Schäfer vom Theater Handgemenge mit ihren bezaubernden Figuren nach.

Obereit entdeckte 1755 die Handschrift C des Nibelungenliedes in der Bibliothek der Grafen von Hohenems. Veronika Thieme leiht Obereit ihre Stimme und schwäbelt dabei ganz wunderbar. Auf einem Symposion hält er als Puppe eine flammende Rede über seinen Forschungsgegenstand, die Nibelungen.

Nach und nach bevölkern Recken und Bösewichte die Bühne. Der Held Siegfried steht zwischen den Damen Brunhild, die ihn liebt, und Kriemhild, in die er verknallt ist. Es folgen Betrug, Vergewaltigung und ein gebrochener Treueschwur. Zum Höhepunkt führt ein unheilvoller Zickenkrieg.

Bildschön sind die beiden Figuren mit zarten detailreichen Gesichtern gestaltet: Kriemhild, ganz in Weiß wie eine Barbie-Braut, und das Vollweib Brunhild, in deren „Adern flüssiges Eisen kocht“, wie ihr Bewunderer Obereit behauptet.

Der macht Brunhild als Seniorin im Altenheim ausfindig, als lebensgroße Puppe grotesk-liebevoll gespielt und gesprochen von Pierre Schäfer. Aus der alten Dame bricht der ganze Frust heraus: über den treulosen Siegfried, der sie einst verschmähte, und sie dann für seinen Freund Gunter flach legte. Der verfügte ja nicht über Siegfrieds komfortable Ausstattung von Drachenblut gestählter Hornhaut und Tarnkappe. Siegfried bekommt zum Dank seine angebetete Kriemhild, Gunters Schwester.

Die Dialoge mäandem zwischen der klassischen alten Sprache der Nibelungensage und den respektlosen Einlassungen Obereits, dessen Wutanfälle wie Kommentare in den Text montiert sind. Eine Kostprobe: „Brunhild wurde verkuppelt und zwar von Siggi. Das Nachdenken war ja nicht so seins!“

Die Bühne beherrscht ein mächtiges Schwert, das an Bidenhänder erinnert, diese Riesenschwerter hatten die Ritter im Mittelalter mit beiden Händen zu bedienen. Bald steht es aufrecht, bald tanzen die Puppen sprichwörtlich auf Messers Schneide, bald wirbelt die Waffe Unheil bringend über die Bühne. Schließlich blutet das Schwert sogar, nachdem Jung-Siegfried durch Hagen von Tronje an der Quelle meuchlings getötet worden war.

Grund für den Mord: Siegfried hat die unselige Brunhild-Geschichte an Kriemhild ausgeplaudert. Hagen ist als Höfling König Gunters dessen Frau Brunhilde treu ergeben, so dass er an Siegfried Rache nimmt. So lautet die offizielle Version, tatsächlich aber hat es der finstere Hagen auf den Schatz der Nibelungen abgesehen, dessen Besitzer Siegfried ist.

Großpuppe Brunhild im Rollstuhl erklärt, sie sei Eigentümerin des sagenhaften Vermögens. Die Besitzverhältnisse sind auch der Grund, weshalb uns die alte Dame überhaupt noch Auskunft geben kann: Der Schatz ist verflucht, und wer ihn sein Eigen nennt, wird automatisch zum Untoten. So begegnet uns Brunhild als Zombie. Die sonst so verworrene Geschichte bekommt auf diese Weise einen roten Faden, dank Obereit.

Das T-Werk war nur zur Hälfte gefüllt, den variationsreich spielenden Akteuren und ihren grandiosen Puppen ist mehr Publikum zu wünschen. Die Zuschauer bedankten sich mit begeistertem, langem Applaus für einen gelungenen Theaterabend.