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Kohlhaas Kampf gegen die Grobköpfe

erschienen am 07.06.2014 in Ostthüringischer Zeitung
von Ulrike Merkel

Am Puppentheater Gera hat heute Abend „Kleists Kohlhaas“ Premiere. Die Inszenierung möchte einen einfachen Zugang zur Originalvorlage von 1810 ermöglichen. Ein Gespräch mit Regisseur Alvaro Schoeck und Figurenbauerin Sylvia Wanke.

Heinrich von Kleist erzählt in seiner Novelle „Michael Kohlhaas“ die Geschichte eines Pferdehändlers, der vom Junker Wenzel von Tronka rechtswidrig um zwei Rappen gebracht wird. Daraufhin beginnt der Rosshändler Kohlhaas seinen unermüdlichen Kampf für Gerechtigkeit, obwohl ihm von allen Seiten juristische Hilfe versagt bleibt.

Kleists „Kohlhaas“ bietet eine komplexe Geschichte, auf welchen Teil konzentrieren Sie sich in Ihrer Puppentheater-Inszenierung?

Alvaro Schoeck: Wir haben sehr schnell festgestellt, dass das, was in unseren Köpfen als Bild von Kohlhaas existiert, also der Terrorist, der aus Gerechtigkeitsgefühl zum gewalttätigen Räuber und Mörder wird, nur einen ganz kleinen Teil der Novelle abdeckt. Diese Mordbrennerei-Geschichte umfasst nur 3″Seiten von den doch 110.

Was erzählen Sie darüber hinaus?

Alvaro Schoeck: Da gibt es ja im letzten Drittel diese ganz seltsame Geschichte mit dem Amulett, das – wie man später erfährt – Kohlhaas bereits erhalten hatte, bevor er loszog, um Wittenberg abzufackeln. Die Frau, die ihm das Amulett gab, eine Wahrsagerin, hat einen erschreckend ähnlich klingenden Namen wie seine Frau. Die Wahrsagerin heißt Elisabeth, seine Frau Lisbeth. Und erst anhand dieses mysteriösen Amuletts erschließen sich für Kohlhaas die wahren Hintergründe, die ganzen Ungerechtigkeiten, die ihm widerfahren.

Wieso?

Alvaro Schoeck: Grundsätzlich ist es so, dass der Kurfürst von Sachsen ein Verhältnis hat mit der Frau seines Kämmerers. Und dieser Kämmerer wiederum ist ein Vetter von Wenzel von Tronka, dem Widersacher von Kohlhaas, was wir allerdings auch erst im Laufe der Geschichte erfahren. Kleist zäumt das Pferd quasi vom Schwanz auf. Ohne das Amulett wäre Kohlhaas nie dahinter gekommen, wie weit der Einfluss der Tronkas reicht.

In der Ankündigung zum Stück heißt es, es sollen schräge Puppen auftreten. Frau Wanke, wie sehen die aus?

Sylvia Wanke: Ich habe ja schon für das Theater Gera das Ballett „Der Joker“ mit Figuren ausgestattet mit der Vorgabe, eine eher glatte Comic-Optik zu schaffen. Damals habe ich viel mit Kunststoff gearbeitet. Dieses Mal hab ich mich für das Material Papier entschieden, weil es ein anderes Spektrum an optischen Möglichkeiten für unsere aktuelle Konzeption bietet.

Sind Ihre Figuren zweidimensional wie ein Blatt Papier?

Sylvia Wanke: Das stimmt für die Schattenfiguren. Wir haben aber auch eine raue dreidimensionale Optik für die Tronkas gewählt. Diese ganze dekadente Sippe wird durch grobe lebensgroße Köpfe dargestellt.

Arbeiten Sie mit Pappmaché?

Sylvia Wanke: Diese großen Figuren sind sowohl kaschiert als auch aus Pappmaché. Und dann haben wir die andere Seite des Papiers, das sehr zart, sehr differenziert sein kann. Damit machen wir bildnerisch eine zweite Ebene auf: die Schattenspielebene. Hier wird die Erinnerung des Kohlhaas an sein verlorenes Glück und seinen zerstörten Lebensplan erzählt: seine Frau, seine Kinder, seine Pferde.

Und wie sieht Kohlhaas aus?

Sylvia Wanke: Er wird vom Figuren- und Schauspieler Lutz Großmann dargestellt.

Herr Schoeck, in der Ankündigung ist auch die Rede von einer neuen Spielweise. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Alvaro Schoeck: Wir setzen einen Spieler für die Figur des Kohlhaas. Dadurch können wir eine Menge inhaltlicher Bezüge schaffen, die es nicht gäbe, wenn jede Hauptfigur mit einer Figur besetzt wäre. Dasselbe tun wir mit den Frauenfiguren.

Sie wollen Jugendliche ansprechen. Mit „Kohlhaas“ gar nicht so einfach.

Alvaro Schoeck: Wir versuchen, ein Destillat aus diesem wahnsinnig komplizierten Text zu ziehen und können dadurch hoffentlich spannende Bezüge aufzeigen, die mir selbst beim ersten Lesen entgangen sind.

Kleist diskutiert in seinem Text auch die Rechtsprechung seiner Zeit. Tun Sie das auch?

Alvaro Schoeck: Das kann man getrost mit Nein beantworten. Dieser ganze theoretische Aspekt ist meiner Ansicht nach bühnenuntauglich.

Sie beide kommen aus dem Süden, Sie, Frau Wanke, aus Stuttgart und Sie, Herr ­Schoeck, aus der Schweiz. Was führte Sie nach Gera?

Sylvia Wanke: Ich habe schon relativ viel in Ostdeutschland gearbeitet, weil die Form des Figurentheaters hier viel etablierter ist durch die Ensembles, die es schon zu DDR-Zeiten gab.

Und Sie haben sich dann quasi mit Herrn Schoeck den Regisseur für Ihr neues Geraer Bühnenprojekt dazugewählt?

Sylvia Wanke: Genau. Wir haben bereits in Naumburg zusammen gearbeitet. Unser Zusammentreffen war ein glücklicher Zufall, da er uns erlaubt, unsere Vision von spartenübergreifendem Theater gemeinsam zu realisieren.